Sachbuch

»Ich denk, ich denk zu viel«
von Nina Kunz

Ihr Lieben, ich lese wieder und das freut mich so sehr. Nachdem ich kaum mehr motiviert war und beim Anblick meiner ungelesenen Bücher im Regal nichts als Druck und schlechte Laune verspürte, ist die Freude am Lesen zurück und wird hoffentlich länger bleiben. Ich habe gelernt zu akzeptieren, dass es diese Phasen gibt, in denen selbst Dinge, die mich sonst so entspannen und glücklich machen unbedeutend und frustrierend erscheinen. Nämlich dann, wenn alles andere zu viel wird und man eine mentale Pause einlegen muss. Sehr passend zu diesen Gedanken habe ich das erzählende Sachbuch »Ich denk, ich denk zu viel« von der Schweizerin Nina Kunz beendet. Darin beschreibt sie ihre Gedanken zu gegenwärtigen Themen und der eigenen Persönlichkeit. Das Buch erschien im März 2021 im Kein&Aber-Verlag.

Inhalt zusammengefasst

Gedankenchaos. Nächte, in denen der Kopf nicht zur Ruhe kommt, Panikattacken, Selbstzweifel und tiefe Sehnsüchte. Darüber schreibt die Kolumnistin und Journalistin Nina Kunz in ihrem ersten Buch. Sie beschäftigt sich mit der irrsinnigen Gegenwart, Weltschmerz, den Nachteilen des Internets, ungewollten Tattoos, der Klimakrise, Feminismus und der Frage, warum sich das Leben trotz vieler Privilegien so bitter anfühlen kann.

Wie war »Ich denk, ich denk zu viel«?

In ihrem Essay-Band »Ich denk, ich denk zu viel« bringt Nina Kunz es immer wieder auf den Punkt. Sie beschreibt die Denkweise vieler junger Menschen und das Lebensgefühl einer Generation. Das Buch liest sich wie Tagebucheinträge, aus denen die Autorin ein Buch erschaffen hat, in dem sich viele ihre Leser:innen wiederfinden werden. Vom Leistungsdruck in unserer heutigen Gesellschaft, der technischen Schnelllebigkeit, dem Wunsch ein Teil des Ganzen zu sein, der Suche nach dem eigenen Vater und einer toxischen Beziehung. Das ist nur ein kleiner Teil der Themen, mit denen sie sich befasst. Sprachlich ist das Sachbuch für mich ein großes Highlight gewesen. Viele der Gedanken konnte ich nachvollziehen, hätte sie wohl nur nicht so treffend zu versprachlichen gewusst.

Besonders gefallen haben mir ihre Texte über Zürich (Und ich liebe sie doch) und Berlin (Lager than life). Ich finde den krassen Kontrast beider Städte sehr spannend und auch wenn das für mich nicht neu war, fand ich es als gebürtige Berlinerin interessant zu lesen, wie Kunz als Schweizerin beide Orte wahrnimmt und mochte ihre Gedanken bezüglich ihres Akzents. Zudem fand ich mich u.a. in Herbst wieder und habe beim Lesen zustimmend genickt. So erging es mir tatsächlich mit dem Großteil der Kurzgeschichten, wie eben auch mit Wer ist mein Vater? die auch für mich eine sehr persönliche Situation darstellt. Auch Bravo Girl ist sehr lesenswert und beschreibt, wie es Medien gelingt, jungen Frauen zu suggerieren, sie seien niemals gut genug. Die Kolumne zu Genüge ich dir? bildet einen emotionalen Abschluss des Buches und war eines meiner Höhepunkte. Es sind oft kurze Sätze und ebenso kompakte Texte, die mich gerade deshalb so berühren konnten, weil Kunz es versteht, mit wenigen Worten Gefühle treffend zu beschreiben.

Zitate aus dem Buch

»Ich habe meinen Vater nie vermisst. Für mich war dieses Vater-Ding immer etwas Abstraktes. Wie die Milchstraße. Oder ein Kubus. Ich kannte zwar den Begriff, aber für meinen Alltag hatte er keine Bedeutung.« Seite 19

»Einerseits ist mir diese Person verflucht nah. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes mein Vater. Und gleichzeitig hat sie nichts mit mir zu tun.« Seite 27

»Das Konzept suggeriert, dass man sich Spaghetti und Butterbrote nur gönnen soll, wenn man friert, einen schlechten Tag hat oder verlassen wurde. Laut Definition muss Comfort Food die wohltuende Ausnahme bleiben zu all den Chili-Koriander-Suppen und Low-Carb-Salaten, mit denen man sich im Alltag bestraft.« Seite 136

»Bücher haben eine Art der Verlässlichkeit, die einzigartig ist. Sie sind für einen da, trösten und wollen nichts im Gegenzug. Das Lesen ist intim, direkt und vertraut. Vielleicht ist es sogar die einzig real existierende Form bedingungsloser Liebe.« Seite 168

»Der Herbst ist doch das Beste. Er riecht nach Zwetschgenkuchen. Er gibt einem das Gefühl von heißer Ovomaltine im Bauch. Er nimmt die Hektik weg. Daher verstehe ich nicht, warum es diese kollektive Sommer-Obsession gibt. Ich meine: Alle lieben den Sommer. Es gibt geradezu einen Zwang, dem Juni entgegenzufiebern, und wer es nicht tut, gilt als lustfeindlich.« Seite 169

Fazit

Humorvoll, klug und wortgewandt fängt Nina Kunz die Ängste, Sehnsüchte und Zweifel einer ganzen Generation ein. Ihre Texte ließen mich vieles aus völlig neuen Blickwinkeln betrachten und gleichzeitig fühlte ich mich verstanden.

Nina Kunz

Nina Kunz, geboren 1993 in Zürich, Schweiz, ist eine schweizerdeutsche Kolumnistin und Journalistin. Sie studierte Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Zürich. Sie schreibt Texte für die Neue Zürcher Zeitungdie ZEIT und das ZEITmagazin. In den Jahren 2018 und 2020 wurde sie zur Kolumnistin des Jahres gewählt. Kunz lebt in Zürich.


Ich denk, ich denk zu viel

von Nina Kunz
Kein & Aber | 2021 | 192 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 0369 5843 9| 20€
Zum Buch


Mich konnten die Texte von Nina Kunz sehr inspirieren und zum Nachdenken anregen. Wie erging es euch mit ihren Gedanken?

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