Ich freue mich, meinen ersten Beitrag zum Buchclub schreiben zu können und noch mehr freut mich, dass es sich um ein Buch handelt, das ich für den Monat Januar und zum ausgewählten Thema LGBTQ vorgeschlagen habe, nämlich »Giovannis Zimmer« von James Baldwin. Für mich einer der besten Schriftsteller, von denen ich je gelesen habe und einer, der sich zeit seines Lebens für die einsetzte, die am Rande der Gesellschaft stehen. Ein großartiger Mensch und faszinierender Autor, der mit seinem zweiten Roman, der 1956 veröffentlicht wurde, einen Meilenstein in der homosexuellen Literatur legte. Der Protagonist des Buches kämpft mit einem inneren Konflikt und hadert mit seiner Art zu lieben. Diese Auflage wurde 2020 von dtv herausgegeben.

Inhalt zusammengefasst

Paris in den Fünfziger Jahren. David, US-Amerikaner in den Mittzwanzigern, lebt seit geraumer Zeit ziel- und mittellos in der französischen Hauptstadt. Durch einen Bekannten lernt er in einer Schwulenbar den italienischen Barkeeper Giovanni kennen, der auf ihn eine ungeahnte Anziehungskraft ausübt. Obwohl David sich gegen den Gedanken sträubt, homosexuell zu sein, trifft er sich immer wieder mit Giovanni auf dessen Zimmer. Als es zwischen den beiden ernster wird, kündigt seine Freundin Hella ihre Rückkehr an. Folgend kommt es zu verhängnisvollen Ereignissen.

Wie war »Giovannis Zimmer«?

Nachdem ich im letzten Jahr »Nach der Flut das Feuer« gelesen hatte, habe ich mich intensivst mit anderen Werken von James Baldwin auseinander gesetzt. Sein, für damalige Zeiten, höchst umstrittener Roman »Giovannis Zimmer« steht seitdem ganz oben auf meiner Wunschleseliste. Dass dieser nun das erste Buch im Leseclub ist, ist deshalb umso erfreulicher für mich. Meine ohnehin hohen Erwartungen an das zweite Baldwin-Werk wurden noch übertroffen. Ein wichtiger Klassiker, der den Konflikt mit dem Verbotenen thematisiert und der unangefochtener Vorreiter homosexueller Literatur war. James Baldwin, dunkelhäutig und selbst homosexuell, floh nach dem 2. Weltkrieg vor dem amerikanischen Rassismus nach Europa. Dort schrieb er »Giovannis Zimmer«, in dem Wissen, damit zu provozieren. Besonders brisant war für die damalige Zeit auch, dass es sich bei den Hauptcharakteren um junge weiße Männer handelte.

Das Leugnen seiner gleichgeschlechtlichen Liebe zu Giovanni macht David nicht zum Sympathieträger, verdeutlicht aber die angespannte Lage für Homosexuelle in der Gesellschaft der 1950er Jahre. Obwohl der junge Amerikaner bereits als Jugendlicher erste sexuelle Erfahrungen mit einem anderen Jungen macht, verdrängt er dies, um dem klassischen Beispiel einer heterosexuellen Bilderbuchfamilie zu entsprechen. Trotz seiner nicht zu leugnenden Emotionen in der Beziehung zu Giovanni und der starken Anziehungskraft zu diesem, schaut David herablassend auf Schwule hinab und bezeichnet diese als Tunten. Die Schwulenszene in Baldwins Roman besteht aus grotesken Gestalten, aus wohlhabenden älteren Herren auf der Suche nach jungen Männern.

Der innere Konflikt und die Zerrissenheit stehen im Vordergrund. Die Suche nach der eigenen Identität und die Unfähigkeit, sich von gesellschaftlichen Konventionen lösen zu können, bestimmen Davids Gedanken. Als Leser ist die eingeimpfte Scham, die ihn umtreibt, durchweg spürbar. Davids Angst, als Homosexueller angesehen und deshalb verachtet zu werden, überwiegen seine Gefühle für Giovanni, auch wenn er gegen seine Gelüste nur schwer ankämpfen kann. James Baldwin schreibt metaphorisch und sprachgewaltig, fesselt seine Leser mit Melancholie und Eleganz. Der Verrat von David an Giovanni, sein anschließend zum Scheitern verurteiltes Leben mit seiner Verlobten Hella, für die er schnell nur noch Langeweile übrig hat und sein Unvermögen, zu seinen Gefühlen zu stehen, machen die Tragik des Romans aus. David opfert sein persönliches Glück und das anderer Menschen, um in das Bild eines weißen Amerikaners zu passen.

Mich hat neben der tragischen Handlung insbesondere der intensive Sprachstil beeindruckt, für den James Baldwin steht. Es gelingt ihm, zwei Figuren zu erschaffen, die in sich so zerrissen sind, dass es unmöglich scheint, die eigene Identität anzuerkennen. Schmerzhaft und brachial erzählt Baldwin eine Geschichte, die nur Verlierer kennt. Baldwin wählte hier mehrere zeitliche Ebenen und verrät zu Beginn das fatale Ende, ohne den Spannungsaufbau zu gefährden. Für mich ein großartiges Buch, das an Wichtigkeit bis heute nicht eingebüßt hat und schon allein wegen seiner großartigen Sprache ein Erlebnis ist.

Zitate aus dem Buch

»Die Welt ist im Wesentlichen unterteilt in Wahnsinnige, die sich erinnern und Wahnsinnige, die vergessen. Helden sind rar.« Seite 34

»Irgendjemand«, sagte Jacques, »dein Vater oder meiner, hätte uns erzählen sollen, dass nicht viele Menschen jemals an Liebe gestorben sind. Aber Massen sind zugrunde gegangen – gehen stündlich zugrunde, und noch dazu an den seltsamsten Orten! – aus Mangel an Liebe.« Seite 69

»Als ich aufwachte und mich im Zimmer umsah, ahnte ich die Aufschneiderei und Feigheit seiner Rhetorik. Das hier war nicht der anonyme Müll von Paris: Es war Giovannis wiedergekäutes Leben. « Seite 100

»Ich liebte sie so sehr wie immer und wusste noch immer nicht, wie viel das war.« Seite 136

»Viel ist über die Liebe geschrieben worden, die in Hass umschlägt, über das Herz, das kalt wird, wenn die Liebe stirbt.« Seite 179

Fazit

Ein Protagonist verzweifelt an seinem inneren Widerstand und dem zwanghaften Drang, gesellschaftliche Konventionen erfüllen zu wollen. Dafür nimmt er auch das eigene Unglück in Kauf. Eine große Leseempfehlung von mir.

James Baldwin

James Baldwin, geboren 1924 in Harlem, New York, USA, war ein amerikanischer Schriftsteller und einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Werke handeln vor allem von Rassismus, Sexualität und Identität. Baldwin kämpfte zu Lebzeiten für die soziale und politische Gleichstellung von Schwarzen und Weißen und nahm durch seine Texte großen Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft. Baldwin lebte vor seinem Tod in Frankreich und starb 1987 an der Côte d’Azur.


Giovannis Zimmer

von James Baldwin
im Original erschienen unter dem Titel »Giovannis Room«
aus dem Englischen von Miriam Mandelkow
mit einem Nachwort von Sasha Marianna Salzmann
dtv | 2020 | 208 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 423 28217 8 | 20€


Mein Einstieg in die Leserunde war auch aufgrund des tollen Leseerlebnisses ein voller Erfolg.