Literaturbesprechung:
»Chirú« von Michela Murgia

Ihr Lieben, ich habe heute ein Buch für euch, dass es mir sehr angetan hat, nämlich »Chirú« von der italienischen Schriftstellerin Michela Murgia. Der Roman wurde im Februar diesen Jahres bei dtv veröffentlicht. Mir fiel die Rezension so unsagbar schwer und ich weiß nicht, warum manche Literaturbesprechungen so viel leichter fallen als andere. Geschafft habe ich es dann aber doch noch.

Inhalt zusammengefasst

Eleonora ist achtunddreißig Jahre alt, eine bekannte Theaterschauspielerin und stammt aus Cagliari, der Hauptstadt Sardiniens. Sie lebt allein und hat sich an diesen Umstand gewöhnt. Eines Tages lernt sie den achtzehnjährigen Violinisten Chirú kennen, der ihr bereits nach dem ersten Treffen im Gedächtnis bleibt. Sie wird seine Lehrerin und öffnet ihm das Tor zur Welt der Künstler. In kurzer Zeit muss sie feststellen, das Chirú mit einer äußerst präzisen Beobachtungsgabe gesegnet ist und er Eleonora schnell zu durchschauen vermag. Zwischen den beiden entwickelt sich eine emotionale, aber nicht ganz selbstlose Beziehung.

Wie war »Chirú«?

Der Roman überzeugt mit seinen leisen Tönen, der psychologisch fundierten Handlung und seiner manipulativen Charaktere. Es ist keine Geschichte, in der man sich in die Figuren hineinversetzen vermag, aber eine, die sofort mitreisst und einen hohen Suchtfaktor hat. Eleonora ist nicht die sympathischste Protagonistin, aber das möchte Michela Murgia wohl auch nicht erreichen.  Sie schafft eine interessante Frauenfigur, die kühl und selbstgefällig agiert, im Grunde aber sehr verletzlich scheint.

Die Beziehung zwischen der Enddreißigerin und ihrem zwanzig Jahre jüngeren Schüler Chirú entwickelt sich schnell zu einem emotionalen Verhältnis. Zwar verzichtet Murgia auf sexuelle Elemente, schafft aber ein liebesähnliches Verhältnis, das den Reiz der Geschichte ausmacht. Die Protagonistin schreibt in der Ich-Perspektive und das bringt Brisanz in die Erzählung. Eleonora führt Chirú in die Kreise der höheren Gesellschaft ein und lehrt ihn Konventionen. Sein ehrliches, unbeholfenes Gemüt imponiert ihr zusehends.

Die lebendigen Rückblicke in die Kindheit Eleonoras erklären ihr bisweilen kompliziertes Selbst und entblößen schmerzhafte Erfahrungen. Als sie sich in den schwedischen Operndirektor Martin verliebt, offenbart sich das gesamte Ausmaß ihrer Beziehung zu Chirú. Die Erzählweise Murgias fängt ein, die ödipale Verbindung von Lehrerin und Schüler scheint bekannt und ist doch von neuer Art.

Zitate aus dem Buch

»Es gefiel ihr, mein Herz zu öffnen wie ein Fenster, meine Unwetter über sich ergehen zu lassen, sich mit meinen Wirbelstürmen anzufreunden, doch ich war sicher, dass sie ihr schönes rotes Sofa sofort trocknete und jedes Ding zurück an seinen Platz stellte, sobald sich die Tür hinter meinem Rücken geschlossen hatte.« Seite 112

»Auf der Suche nach irgendeinem Halt griff ich nach dem Kissen. Ich spürte, dass mir die Tränen in die Augen traten, und ich wollte nicht, dass er auch noch diese Nacktheit sah. Die größte Gefahr lag darin, dass er versuchen würde, mich zu trösten.« Seite 188

Fazit

Eine etwas aus der Mode gekommene Lehrer-Schüler-Beziehung entfacht neues Feuer und bleibt nachhaltig im Kopf.

Michela Murgia

Michela Murgia, geboren 1972 in Cabras, Italien, ist eine italienische Schriftstellerin. Sie studierte Theologie und war als Lehrerin für Religion tätig. 2008 veröffentlichte sie einen Erzählband, 2009 erschien dann ihr erster Roman. Murgia lebt auf Sardinien.


Chirú von Michela Murgia
aus dem Italienischen von Julika Brandestini
dtv | 2020 | 208 Seiten
Taschenbuch | ISBN: 978 3 423 14742 2 | 10.90€


Danke noch einmal lieber Florian für den sehr unterhaltsamen und sowohl inhaltlich als auch sprachlich überzeugenden Roman. 

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