Ihr Lieben, hattet ihr schöne Pfingsten? Mir macht das unbeständige Wetter der letzten Wochen wirklich zu schaffen. Wir sind seit gestern im Berchtesgardener Land um unseren Urlaub in vollen Zügen zu genießen und ich hoffe, dass das Wetter mitspielen wird. Das Lesen macht mir aktuell wieder viel Freude. Heute möchte ich »Mein Bruder« von Karin Smirnoff besprechen. Der Roman wurde im Januar 2021 im Hanser-Verlag veröffentlicht.

Inhalt zusammengefasst

Im schwedischen Smalånger besucht Jana ihren Zwillingsbruder Bror, der einer verbotenen Liebe nachtrauert und seine Sorgen im Alkohol ertränkt. Die gemeinsame Mutter der beiden befindet sich nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim. Jana begegnet John wieder, den sie von damals kennt und dessen ambivalentes Verhalten ihr Rätsel aufgibt. Die junge Frau wird immer wieder von schrecklichen Erinnerungen an ihren tyrannischen Vater wachgerufen, der seinen Kindern großen Schaden zufügte, bis beide sich rächten.

Wie war »Mein Bruder«?

Die ersten Seiten konnten mich direkt einfangen, so einnehmend ist der Schreibstil von Smirnoff. Kaum zu glauben, dass es sich um ein Debüt handelt, denn die fesselnde Sprache, die gänzlich auf Kommata verzichtet, wirkt sehr routiniert. Die Heftigkeit des Inhalts wird nach wenigen Seiten deutlich. Ein vergangenes Familiendrama wird nach und nach geschildert und ist Grundpfeiler der Geschichte. Handlungsort ist eine schwedische Kleinstadt, umgeben von Wäldern, sodass die düstere Atmosphäre allgegenwärtig ist.

Jana ist Mitte dreißig, als sie an den Ort ihrer Kindheit nach Nordschweden zurückkehrt. Schwere Traumata haben es ihr unmöglich gemacht, sich an die grauenhaften Taten ihres Vaters zu erinnern, die nun, am Ort des Geschehens, wieder hochkommen. Mit John, der ihr mal voller Liebe und dann wieder sehr aggressiv begegnet, beginnt sie ein Verhältnis. Ähnlich wie die meisten Bewohner in Smalånger steckt auch er zunächst voller Rätsel. Die Tragödie, die sich in der Kindheit von Jana und ihrem Bruder zugetragen hat, ist schwer auszuhalten. Von Vergewaltigung bis Mord wurde nichts ausgelassen.

Die Geschehnisse werden im Laufe der Geschichte aufgearbeitet, ohne dass die Autorin Wichtiges vorwegnimmt. Jana ist mir sofort sympathisch, ich mag ihre facettenreiche Persönlichkeit, ihre vorlaute und zugleich verletzliche Seite. Die Wahl des Titels erschließt sich für mich nicht ganz, denn aus meiner Sicht spielt dieser eine Nebenrolle. Er ist zwar der Grund, weswegen Jana an ihren Heimatort zurückkehrt und auch, dass alle negativen Erlebnisse erneut in ihr geweckt werden, ist jedoch nicht tonangebend.

Dank des Humors von Jana lässt sich das Gelesene leichter ertragen. Trotzdem ist es eine äußerst heftige Story, die wohl niemanden kalt lässt. Die Dorfbewohner sind hauptsächlich aggressiv, unfreundlich, alkoholabhängig oder schwerkrank. Dass das Buch in Schweden mehrfach ausgezeichnet wurde ist mehr als verständlich, denn die von Karin Smirnoff konzipierte Handlung ist beeindruckend. Liebe und Gewalt liegen nah beieinander und machen die Besonderheit des sehr heftigen Buches aus.

Zitate aus dem Buch

»Ich hörte Muttern wimmern aber nie schreien. Ihr unterdrücktes Schluchzen steckte ihr wie ein Fettpropf im Hals während mein Vater das austeilte oder sich nahm worauf er ein Recht zu haben glaubte.« Seite 57

»Ich konnte ihn mir nicht verliebt vorstellen. Ich konnte mir niemanden aus meiner Familie verliebt vorstellen. Wir waren keine liebende Familie. Wir waren einfach nur Erbgutträger die Nachfahren in die Welt setzten und taten was getan werden musste. Oft auf die denkbar schlechteste Weise mit erbärmlichen Ergebnis.« Seite 265

Fazit

Ein ganz starkes Debüt, das von den tiefsten familiären Abgründen und seinen Folgen erzählt.

Karin Smirnoff

Karin Smirnoff, geboren 1964 in Umeå, Schweden, ist eine schwedische Autorin und Journalistin. Sie hat zudem auch als Fotografin und Karatelehrerin gearbeitet. Ihren Debütroman schrieb sie mit 54 Jahren.


Mein Bruder

von Karin Smirnoff
im Original erschienen unter dem Titel »Jeg for ner til min bror«
aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein
Hanser Berlin | 2021 | 336 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 446 26942 2 | 24€
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Ich danke dem Hanser-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.