»Mein Name ist Selma – Erinnerungen einer Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebenden«
von Selma van de Perre

Ihr Lieben, heute möchte ich ein Buch besprechen, dass mir sehr am Herzen liegt, weil es geschichtlich so wichtig ist und mir während des Lesens mit jedem Satz sehr nahe ging. Die niederländische Widerstandskämpferin und Überlebende des Zweiten Weltkriegs Selma van de Perre schreibt in ihrem Buch über ihre Erinnerungen in Gefangenschaft im Konzentrationslager Ravensbrück. Eine Buchbesprechung über die Biografie einer Holocaust-Zeitzeugin zu schreiben ist eine Herausforderung, denn alles Erlebte der Autorin hat mich unsagbar berührt und fassungslos gemacht, auch wenn man immer zu denken glaubt, man wisse inzwischen über sämtliche Gräueltaten der Nazis Bescheid, wird einem auch in diesem Zeitzeugen-Bericht schmerzlich bewusst, dass dem nicht so ist. Die Biografie erschien als Hardcover 2021 im btb-Verlag.

Inhalt zusammengefasst

Als der zweite Weltkrieg ausbricht, ist Selma Velleman gerade siebzehn Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in den Niederlanden. Ihre jüdische Herkunft hat für die junge Frau bis dahin keine große Rolle gespielt. Das sollte sich schlagartig ändern. Selma schloss sich 1942 dem niederländischen Widerstand an und lebte lange unter falschem Namen um ihre Identität zu verbergen. So gelingt es ihr einige Zeit den Nazis zu entkommen, bis sie 1944 ins Konzentrationslager Ravensbrück kommt.

Wie war »Mein Name ist Selma«?

Ich begegne dieser Thematik immer mit höchstem Respekt und bin immer wieder überwältigt von der Furchtlosigkeit der Menschen, die den Holocaust überlebten, den Mut aufbrachten sich im Widerstand zu engagieren, um anderen zu helfen und selbst in Gefangenschaft lebten. Eine davon ist Selma van de Perre. Sie selbst sagt, sie habe immer auch Ängste ausgestanden, sich von diesen aber nie bestimmen lassen. Das beeindruckende Portrait dieser bemerkenswerten Frau zeigt diese Biografie. Für das Buch sollte man sich Zeit nehmen, das verlangt schon der Inhalt. Bedauerlicherweise ist das Geleistete von Selma van de Perre hierzulande nicht sehr bekannt.

Selma durchlebt eine unbeschwerte Kindheit in den Niederlanden. Ihre Eltern beschreibt sie durchweg als äußerst liberal und wertschätzend. Die finanziellen Sorgen sind in der Kindheit Selmas und ihrer Geschwister spürbar aber nicht bestimmend. Als der Krieg 1939 ausbricht, ahnen Selma und ihre Familie noch nicht, welche Folgen das für sie haben würde. Die nahende Bedrohung für Menschen jüdischer Herkunft wird immer spürbarer, bis es Juden bald verboten ist, Freizeitaktivitäten nachzugehen oder Geschäfte zu betreten. Das ganze Leben wird nur noch nach der eigenen Identität definiert.

So bringt Selma ihre Mutter und ihre Schwester in Sicherheit und lebt unter falschem Namen, um unentdeckt zu bleiben. Ab 1942 leistet sie große Dienste für den niederländischen Widerstand und verschont viele Menschen vor einem schrecklichen Tod. Selma muss sich fortan verstecken, ihre Identität geheim halten und lebt unter dem Namen Margareta van der Kuit. Selbst ihre Verbündeten im Widerstand und engste Vertraute ahnen nichts von ihrer wahren Herkunft. Allein dieser Umstand muss einem Menschen ungeheure Selbstbeherrschung abverlangen und ist für uns heutzutage wohl unvorstellbar. Es gelingt Selma bis zu ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager zu verbergen, wer sie wirklich ist. Der Moment, in dem sie endlich aussprechen kann, wer sie ist, bedeutet ihr viel und war für mich in dem Buch eine Schlüsselszene. Es hat mich tief berührt und mitfühlen lassen, was diese Frau ertragen musste, ohne auch nur einen Bruchteil davon nachvollziehen zu können.

Die Schilderungen über ihre Familie lesen sich sehr rührend und zeigen, wie sehr Selma van de Perre ihre Eltern und Geschwister liebte. Als sie später erfahren muss, dass sowohl ihre Mutter und Schwester, als auch ihr Vater auf grausame Weise ermordet wurden, bricht für Selma eine Welt zusammen. Trotz dieser Geschehnisse macht sie weiter und lässt sich von den Ereignissen ihrer unglaublichen Vergangenheit und den unvorstellbaren Verbrechen der Nazis nicht brechen. Sie berichtet von den schauderhaften Zuständen im Konzentrationslager, die mich immer wieder zum Pausieren beim Lesen zwangen. Sie blickt während des Erzählens zurück in glückliche Kindheitstage und fröhliche Zeiten.

1944 wird sie verhaftet, weil ein Vertrauter des Widerstands unter Androhung von Folter auspackt. Selma jedoch sieht diesen nie als Verräter an und ergreift im Gerichtsprozess nach Kriegsende sogar Partei für ihn. Auch das fand ich bemerkenswert. Über das Konzentrationslager im niederländischen Vught kommt Selma schließlich im September 1944 nach Ravensbrück. Wie es einem Menschen gelingen kann, all diese Erfahrungen zu verarbeiten, wird mir ein Rätsel bleiben. Selma van del Perre ist dies gelungen. Sie hat sich nach dem Krieg ins Leben zurück gekämpft, eine Familie gegründet und sich für die Aufklärung der Grausamkeiten des Nationalsozialismus, insbesondere der Zustände in Konzentrationslagern, stark gemacht.

Ein Einblick in die Erfahrungen einer Zeitzeugin des Holocausts, der tief unter die Haut geht und unvergessen bleibt. Jeder Bericht eines Überlebenden ist immer wieder aufs Neue schwer zu ertragen und doch immens wichtig. Selma van de Perre ist eine überwältigende Frau, die niemals aufgegeben hat und mit 97 Jahren dieses Buch vor allem ihrer Familie widmete.

Zitate aus dem Buch

»Das glaubten wir, wie alle Lügen, die wir zu hören bekamen.« Seite 57

»Ich hatte gerade ein Päckchen mit Schokolade und Käse für Pa aufgegeben und wollte zur Arbeit, als mich ein Unbehagen überfiel. Ich kann es nicht erklären, aber ich hatte einfach ein ganz seltsames Gefühl im Bauch. Bis zur Straßenecke war ich gekommen, beschloss jedoch aus einem Impuls heraus, zum Haus von Onkel Jacques zurückzukehren. Ein paar Stunden später erfuhr ich, dass der Sicherheitsdienst unter der Leitung von Willy Lages genau an diesem Tag, dem 11. November 1942, die Fabrik überfallen hatte. Die Ausgänge wurden versperrt. die Arbeiter festgenommen und ins Konzentrationslager deportiert. Hätte ich damals nicht auf meinen Instinkt gehört, wäre ich unter ihnen gewesen.« Seite 67

»Ich wollte um jeden Preis helfen – dieses Gefühl durchdrang mich, und es war sehr stark. Außerdem kann man nicht ständig in Angst leben. Sogar an Angst gewöhnt man sich. Die muss man beiseite schrieben und dann einfach weitermachen.« Seite 88

»Wir mussten an dem festhalten, was sich noch retten ließ, und wir waren fest entschlossen, den Rest unseres Lebens nicht von den entsetzlichen Dingen definieren zu lassen, die wir gesehen und durchlitten hatten« Seite 178

»In meinem Inneren gibt es ein schreckliches Loch, das nie heilen wird. In meinem Kopf stelle ich mir bis in die schlimmsten Einzelheiten vor, was man ihnen angetan hat. Ich frage mich, ob Mams und Clara wussten, was mit ihnen geschehen würde, diese beiden lieben, unschuldigen Menschen, die niemals irgendwem etwas zuleide getan haben.« Seite 217

Fazit

Selma van de Perre ist eine beeindruckende Persönlichkeit, die ich für ihren unschätzbaren Mut bewundere. Wir alle können ihr nur danken, dass sie ihre grausamen Erfahrungen im Konzentrationslager für die Nachwelt festgehalten hat, um so auf die Schicksale ihrer Familie und vieler unschuldiger Menschen aufmerksam zu machen.

Selma van de Perre

Selma van de Perre (geb. Velleman), geboren 1922 in Amsterdam, Niederlande, ist eine Zeitzeugin des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und ehemalige Gefangene des Konzentrationslagers Ravensbrück. Ab 1942 lebte sie aufgrund der Judenverfolgung unter falschem Namen und schloss sich dem niederländischen Widerstand an. Dabei half sie bei der Rettung vieler jüdischer Familien. 1944 wurde sie verhaftet und ins Konzentrationslager nach Ravensbrück verschleppt. Immer wieder gelang es ihr, dem grausamen Tod durch die Nazis zu entgehen. Nach dem Krieg ging sie nach London und arbeitete dort für die BBC und studierte Anthropologie und Soziologie. Sie heiratete ihren Ehemann und bekam einen Sohn. Später arbeitete sie als Lehrerin an der katholischen Sacred Heart High School in Hammersmith.


Mein Name ist Selma – Erinnerungen einer Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebenden

von Selma van de Perre
aus dem Niederländischen von Simone Schroth
im Original erschienen unter dem Titel »Mijn naam is Selma«
btb | 2021 | 224 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 442 75905 7 | 20€
Zum Buch beim Verlag


Für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares danke ich dem btb-Verlag und Randomhouse.

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