Hallo ihr Lieben, gerade ist nicht die beste Zeit und doch bin ich froh, etwas zum Lesen zu kommen und endlich den Roman »Der andere Ort« von Rachel Cusk gelesen zu haben, der im Frühjahr diesen Jahres bei Suhrkamp erschienen ist. Die Geschichte ist komplex, beschreibt eine Beziehung zwischen einer Frau mittleren Alters, die zurückgezogen mit ihrem Partner in ihrem Haus in einer Marschlandschaft lebt und einem unnahbaren Maler, zu deren Werken sie sich eigenartig verbunden fühlt.

Inhalt zusammengefasst

In einer einsamen Küstenregion lebt die Protagonistin M mit ihrem Lebensgefährten Tony. In einem heißen Sommer lädt sie den bekannten Maler L in ihr Haus ein, um zu verstehen, weshalb sie sich so von seinen Werken angezogen fühlt. Der bringt ungefragt eine junge Bekanntschaft mit und geht M konsequent aus dem Weg, provoziert sie mit ihren vermeintlichen Schwächen und zeigt größeres Interesse an allen anderen Anwesenden als an ihr. Und dann kommt ihre Tochter Justine zu Besuch, die in ihr unbehagliche Gefühle weckt. M sieht sich in diesem Sommer mit all ihren Dämonen konfrontiert.

Wie war »Der andere Ort«?

Obwohl ich das Buch innerhalb von zwei Tagen durchgelesen habe, strengte es mich zweitweise doch sehr an, denn die Gedanken der Protagonistin sind nicht immer leicht nachzuvollziehen. Gleichsam ist es insbesondere dieser Aspekt, der das Gelesene so aufregend macht. Es ist ein anderer Roman, einer, der sich nicht so einfach einordnen lässt. Schnell wird klar, dass M sich mit vergangenen Kränkungen und schlechten Erfahrungen herumschlägt, die ihr Selbstbild stark geprägt haben. Warum genau sie den Maler L so faszinierend findet, erschloss sich mir bis zum Ende nicht ganz, was den Reiz der Geschichte aber nicht schmälert, da solche Gefühle ja immer individuell sind. Viel mehr ist es der komplexe Machtkampf, der sich zwischen den beiden eigentlich Fremden entwickelt.

Sie war wie eine Schlingpflanze, die sich an anderes klammern und es überwuchern muss, weil sie sich selbst keinen Halt geben kann.

Seite 98

L ist ein distanzierter, eher unfreundlicher Zeitgenosse, der sich der Anwesenheit Ms zu entziehen versucht. Sie wiederum sucht immer wieder die Nähe des Künstlers, vielleicht auch, weil sie etwas in ihm sieht, nachdem sie sich sehnt. Das Buch liest sich wie ein Brief, denn M richtet ihre Worte an einen Mann mit dem Namen Jeffers, der für die Handlung allerdings keine Rolle spielt. Ihre enttäuschten Erwartungen sind durch den gesamten Verlauf der Geschichte spürbar. Es beginnt damit, dass L nicht allein kommt, sondern ungefragt eine junge Bekannte namens Brett im Schlepptau hat, deren Beziehung zueinander sich M lange nicht erklärt. Da er auch jedem Gespräch mit ihr aus dem Weg zu gehen scheint und ihre Tochter sich mit seiner Bekannten Brett anfreundet, fühlt sich M überflüssig und gemieden. Deshalb muss sie sich fragen, ob es eine gute Idee war, L zu sich einzuladen.

L nimmt in diesem Kammerspiel die Rolle des Teufels ein, während er M zu einer frustrierten Hexe degradiert, die verbittert und hoffnungslos durchs Leben geht. Es kommt zu diversen Verstrickungen und für mich als Leserin war nicht mehr sichtbar, was Kunst und was Realität ist. Die Verhältnisse und Beziehungen der Figuren untereinander blieben mir bis zum Ende nicht ganz klar. Zweifelsohne aber ein interessanter Ausflug in die Gedankenwelt von M und den zerstörerischen Machtkampf zwischen Mann und Frau. Die Geschichte versteht sich als Hommage an Mable Dodge Luhans Roman Lorenzo in Taos von 1922.

Zitate aus dem Buch

»Tony räumte ein, inzwischen habe er selbst angefangen, L herbeizuwünschen, was zu hören mich absolut überraschte und mir bewusst machte, dass Liebe eine fatale Schwäche ist.« Seite 40

»Nun, irgendwie schaffte ich es, mich loszureißen – erstaunlich, dass Brett einem selbst im offenen Gelände das Gefühl geben konnte, in die Ecke gedrängt zu sein – , lief nach Hause, stellte mich unter die Dusche und schrubbte mich ab, als könnte ich mich selbst ausradieren.« Seite 79

»Das Hässliche an mir konnte ich genauso wenig akzeptieren wie jede andere Form von Hässlichkeit.« Seite 91

»Um ihn zu sehen, musste ich einen Körpersinn aktivieren, dem ich ein bisschen misstraute.« Seite 111

»Alle anderen lebten in vollkommenen Einklang mit sich, nur ich streifte umher wie ein ruheloser Geist, vertrieben aus dem Zuhause meines Ich und schutzlos den Worten, Stimmungen und Launen der anderen ausgeliefert! Sensibel zu sein erschien mir auf einmal wie der schlimmste Fluch…« Seite 156 / 157

»Schon am zweiten oder dritten Tag nach Ls Heimkehr aus dem Krankenhaus wurde klar, dass sie sich nie im Leben um etwas oder jemanden gekümmert hatte und jetzt bestimmt nicht damit anfangen würde.« Seite 175

»Ich habe gelernt, damit zu leben, denn die wenigen Menschen, die ich mochte, mochten mich zurück – alle außer L. Seine Verleumdungen entfalteten daher eine eigenartige Macht über mich. Als ich die schrecklichen Dinge las, die er über mich gesagt hatte, schien es mir, als gäbe es nichts Stabiles, keine verlässliche Wahrheit im Universum mehr, keiner außer der unveränderlichen Tatsache, dass nur das existiert, was man für sich selbst erschafft.« Seite 200

Fazit

Eine äußerst komplexe Handlung, ein wirrer Machtkampf und ein stark angekratztes Selbstbild. Mich beeindruckten die abstrakten Gedankengänge der Autorin und die anspruchsvolle Sprache. Es wird aber kein Buch sein, das mich länger festhält.

Rachel Cusk

Rachel Cusk, geboren 1967 in Saskatoon, Kanada, ist eine englische Schriftstellerin. Ihre Kindheit verbrachte sie hauptsächlich in Los Angeles, bis sie mit neun Jahren mit ihrer Familie nach Großbritannien zog. Sie studierte Englisch in Oxford. Sie arbeitete anschließend in London und reiste viel. Cusk veröffentlichte vor allem Essays, Romane und literarische Memoiren. Seit 2021 lebt sie in Paris.


Der andere Ort

von Rachel Cusk
aus dem Englischen von Eva Bonné
im Original erschienen unter dem Titel »Second Place«
Suhrkamp | 2022 | 203 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 518 43018 7 | 23.00€
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Ich danke dem Suhrkamp-Verlag für die Zustellung des Rezensionsexemplars.