Hallo zusammen. Die letzten Tage sind gefühlt verflogen. Ob das nun gut oder schlecht ist, kann ich gerade schwer beurteilen. Ich fühle mich immer noch sehr ausgelaugt und finde – außer in meinen Büchern – wenig Ablenkung. Umso schöner ist es, dass ich euch mit meinen Beiträgen ein wenig mitnehmen und zeigen kann, was ich lese und gleichzeitig über etwas Schönes sprechen kann. Bücher sind einfach wundervoll und erfüllen mich. Ich sage das nicht zum ersten Mal, aber folgender Roman ist besonders, vor allem deshalb, weil er in Versform geschrieben ist, aber auch, weil er mich inhaltlich komplett catchen konnte. »Verheizte Herzen« von der Irin Sarah Crossan, erschienen im Mai 2022 bei Kiepenheuer und Witsch, erzählt die Geschichte von Ana, die ihren heimlichen Geliebten Connor durch einem tödlichen Autounfall verliert und ihre Trauer nicht nach außen tragen kann.

Inhalt zusammengefasst

Ana ist Anwältin, die Mutter zweier Kinder und Ehefrau von Paul. Allerdings gibt es da seit einigen Jahren Connor, ihren Klienten und Geliebten. Ana erhofft sich mehr von dieser Affäre, sie ist verliebt und bereit ihren Ehemann für Connor zu verlassen. Der aber hält sie hin. Plötzlich stirbt dieser unerwartet und das muss sie ausgerechnet von seiner Ehefrau Rebecca erfahren. Ana wird nun damit beauftragt das Testament zu vollstrecken, obwohl sie selbst trauert. Diese Trauer aber kann sie niemandem zeigen und so verliert sie sich in dem Gedanken für Connor einen Wert gehabt zu haben und sucht immer mehr die Nähe von Rebecca, die sich langsam aber sicher zur Besessenheit steigert.

Wie war »Verheizte Herzen«?

Wo fange ich da nur an? Sarah Crossan hat sich für diesen Roman einem Thema genähert, mit dem sie polarisieren dürfte. Kaum jemand wird beim Lesen große Sympathien oder Mitgefühl für Ana übrighaben. Schließlich betrügt sie seit drei Jahren ihren Ehemann Paul und damit auch zwangsläufig ihre beiden Kinder. Niemand weiß von ihrer heimlichen Affäre mit Connor, der auch eine Familie hat. Und doch konnte mich die Autorin phasenweise immer wieder auf die Seite ihrer Protagonistin ziehen, denn es gelingt ihr, Verständnis für Ana zu gewinnen. Ana liebt Connor und wünscht sich eine gemeinsame Zukunft mit ihm. Sie möchte nicht mehr nur Geliebte, sondern die Frau an seiner Seite sein. Der weiß das und scheint sie immer wieder bewusst zu vertrösten. Wie er über seine Ehe mit Rebecca spricht, weckt in Ana das Gefühl, sie sei besonders für ihn, es gehe nicht mehr nur um aufregende Nächte in Hotels.

Besonders angesprochen hat mich die Versform, in der Sarah Crossan diese Geschichte schreibt. Auch mochte ich die häufig metaphorischen Aussagen und hätte einen Großteil des Buches markieren können, weil mich so viele Sätze bewegten. Zweifellos ist es ein mutiges Buch, das in schnellen Zeitwechseln erzählt wird. Das gibt dem Geschehenen Tempo und zeigt die Dramatik mit viel Wucht. Das Interessante ist wohl, dass die Erzählung mit der Moral spielt. Ana macht sich von Connor emotional abhängig. Sie ist besessen von dem Gefühl, dass er ihr gibt, sodass sie von dem Wunsch nährt, bedeutsam für ihn zu sein. Dabei vergisst sie alles um sich herum, schlussendlich auch die Zeit mit ihren Kindern. Ihr Ehemann Paul ahnt, dass etwas nicht stimmt, muss aber lange mit der Ungewissheit leben, auch, weil Ana ihre Beziehung zu Connor zu schützen versucht.

Du konntest nicht gehen, denn da war Rebecca. Du konntest nicht gehen, denn da war Rebeccas Schmerz. Du konntest nicht gehen, denn da war Rebeccas Schmerz versus meinem Schmerz. Du konntest nicht gehen, denn. Du konntest nicht gehen. Du konntest nicht. Du. Du. Du.

Seite 34

Wie ihr merken werdet: man ist versucht, sich auf die Seite der Betrogenen zu schlagen, doch so einfach macht es uns Sarah Crossan nicht. Wir wissen von unserer eigenen Unfehlbarkeit und möglicherweise ist sie es, die den einen oder anderen schwanken lässt. Ich muss in jedem Fall gestehen, dass ich trotz ihres offensichtlichen Fehlverhaltens auch viel Mitgefühl für Ana aufbringen konnte. Spätestens als Connor stirbt, leidet sie einsam und allein. Diese versteckte Trauer versucht sie mit Rebecca, Connors Ehefrau, zu teilen. Als Ana schließlich als Testamentsvollstreckerin in dem Fall eingesetzt wird, kommt sie Rebecca näher und erlebt eine ganz andere Frau, als von Connor zuvor beschrieben. Die beiden Frauen verstehen sich und beginnen ein fast freundschaftliches Verhältnis. Für Ana steigert sich das in Besessenheit, denn noch immer erträgt sie den Gedanken nicht, dass sie für ihren Geliebten nur eine Affäre war und er seine Ehe wohl nie aufgegeben hätte.

Lediglich mit Connor konnte ich wenig anfangen, denn er hat in mir ausschließlich Wut und Verärgerung ausgelöst. Er spielt mit den Gefühlen von Ana, in dem Wissen, dass er für sie eine große Bedeutung hat und rückt seine Ehefrau Rebecca kontinuierlich in ein schlechtes Licht. Seine Manipulationen setzt er gekonnt ein, um keine der beiden aufgeben zu müssen. Sarah Crossan konnte mich mit ihrer Entschlossenheit, über dieses Thema schreiben zu wollen und ihrer Furchtlosigkeit vollends mitnehmen. Ihre eindringliche und symbolhafte Sprache unterstreicht die Tragik menschlichen Verhaltens und ihre Folgen. An dieser Stelle auch ein Dank an Marie, durch die ich auf das Buch aufmerksam wurde. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass das Buch unglaublich schön gestaltet wurde. Der Schutzumschlag ist so detailreich und wundervoll illustriert. Ebenso auch das Buch selbst.

Zitate aus dem Buch

»Wir machen Pläne für den Tod, fällen vernünftige Entscheidungen, während wir uns am Leben laben. Aber niemand hat die Absicht zu sterben.« Seite 16

»Ich will, dass er sagt, du hättest Rebecca gehasst. Ich will, dass er sagt, du wärst an unserer Liebe zerbrochen. Ich will, dass er sagt, wärst du noch am Leben, hättest du dich für mich entschieden irgendwann. Als ich zurück an den Tisch komme, stelle ich die Gläser ab sag mir, dass es mich gibt.« Seite 68

»Wir planten dieses erste Mal, ohne es zuzugeben, und als es so weit war, wussten wir: Ein einfacher Schluss war ab jetzt unmöglich.« Seite 71

»Aber die ganze nächste Stunde dachte ich nur an das, was du gesagt hattest – du und ich: Etwas Besonderes.« Seite 87

»Ich widersprach dir nicht. Ich stimme dir zu, dass es irgendwann enden musste, fühlte mich erleichtert, dass wir nicht aufgeflogen waren. Die Konsequenz waren ein paar verheizte Herzen, nicht mehr.« Seite 97

»Aber es passierte, immer wieder irgendwie. Immer und immer wieder. Zusammen getrennt. In Liebe. In Leid. Verknäult, verheult. Der Schmerz. Das Abwärts. Die Fallstricke und schlaflosen Nächte. Immer und immer wieder. Jedes einzelne Klischee.« Seite 102

»Ich habe nichts, das beweist, es hat uns irgendwann einmal gegeben.« Seite 163

»Ich malte mir aus, du würdest Listen schreiben – Pro und contra. Ich und sie. Dafür und dagegen. Gut und schlecht. Bleiben oder gehen. Und fragte mich, wie ich dabei wegkam, und wusste, ich war immer die Verliererin.« Seite 164

»So lief es immer. Sobald ich mehr wollte, hast du mich mit Distanz bestraft.« Seite 214

»Es ist die Pause nach einer einfachen Frage, die den Lügner entlarvt.« Seite 227

»Warum glaubst du mir nicht, wenn ich dir sage, dass ich sterbe?« Seite 240

Fazit

Sarah Crossan hat mit ihrem Versroman mein Herz gebrochen. Es gelingt ihr die Qualen ihrer Protagonistin aufzuzeigen, die sich keinem Menschen und keinem Ort mitteilen kann, die ihre Trauer ganz mit sich allein ausmachen muss. Sie schreibt wertfrei und empathisch, in dem Wissen, dass ihre Protagonistin für die Leser:innen keine Sympathieträgerin ist. Ein mutiges Buch und eines, das mich zutiefst berühren konnte.

Sarah Crossan

Sarah Crossan, geboren 1981 in Dublin, Irland, ist eine irische Schriftstellerin. Sie studierte Philosophie und Literatur an der University Of Warwick und beendete dies 1999 mit einem Diplom. Anschließend begann sie eine Ausbildung zur Lehrerin für Theater an der University Of. Cambridge. Sieben Jahre unterrichtete sie in New York an einer Privatschule. Nebenher arbeitete sie als Redakteurin und Buchkritikerin. Sie hat einen Master in Kreativem Schreiben, den sie 2003 beendete und schreibt seitdem Bücher. Crossan lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Hertfordshire, England.


Verheizte Herzen

von Sarah Crossan
aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
im Original erschienen unter dem Titel »Here Is The Beehive«
Kiepenheuer & Witsch | 2022 | 272 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag | ISBN: 978 3 462 00060 3 | 22.00€
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Ich bedanke mich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.