Hallo zusammen, ich möchte euch heute meine Buchbesprechung zu »Graue Bienen« von Andrej Kurkow vorstellen. Wegen seiner Aktualität ist es derzeit besonders brisant, denn die Handlung des Romans spielt nach der Annektierung der Krim und beschreibt das Leben eines Mannes, der in der Ukraine in der grauen Zone lebt, in der sich die ukrainische Armee und pro-russische Separatisten bekriegen. Sergej Sergejitsch ist Imker und widmet sich insbesondere seinen Bienen. Diese Taschenbuchausgabe erschien im Februar 2021 bei Diogenes.

Inhalt zusammengefasst

Sergej ist Bienenzüchter und lebt im Donbass, in der Nähe von Donezk, wo sich ukrainische und pro-russische Separatisten seit drei Jahren tagtäglich bekämpfen. Das Dorf ist nahezu menschenleer, lediglich er selbst und sein Kindheitsfeind Paschka sind geblieben. Sergej versucht mit den Gegebenheiten zu leben und kümmert sich vor allem um das Wohlergehen seiner Bienen. Die will er eines Tages in Sicherheit und dorthin bringen, wo sie in Ruhe Nektar sammeln können.

Wie war »Graue Bienen«?

Ich erinnere mich, dass ich schon kurz nach Erscheinungstermin von »Graue Bienen« sehr interessiert daran war, das Buch zu lesen. Bis vor kurzem ist es dann aber wieder in den Hintergrund gerückt. Aufgrund seines leider wieder sehr aktuellen Inhalts, kommt man auf Bookstagram und in Buchläden kaum an Andrej Kurkows Roman vorbei. Zeitweise soll es sogar Lieferengpässe gegeben haben. Mich hat die Vorstellung, eine Geschichte mit Nebenhandlung zum Leben und der Ordnung der Bienen im Vergleich zu menschlichen Verhaltensweisen, neugierig gemacht. Zugleich spricht der Autor ein wichtiges Thema an: den schon jahrelang schwelenden Krim-Konflikt zwischen der Ukraine und Russland. Er beschreibt die schwere Last, welche die betroffenen Bewohner zu tragen haben und den lebensgefährlichen Alltag, der ihnen zugemutet wird.

Sergej ist einer von ihnen. Der Mann mittleren Alters lebt im umkämpften Grenzgebiet und muss täglich um sein Leben fürchten. Trotz dieses Wissens gestaltet er seinen Alltag so gut es geht, auch wenn schnell auffällt, dass Sergej in allen Lebensbereichen ein erfolgreicher Verdrängungskünstler ist. Die Handlung spielt im Jahr 2016. Seit mittlerweile drei Jahren sind die Bewohner der umliegenden Dörfer mit täglichen Angriffen konfrontiert. Während die meisten geflüchtet sind, leben in einem kleinen Dorf Sergej Sergejitsch und sein Feind aus Schultagen, Paschka. Die Männer haben weder Strom, noch gibt es einen ortsansässigen Laden, indem sie sich mit Lebensmitteln eindecken können. Besonders brisant: während Sergej mit der Ukraine sympathisiert, steht Paschka auf der Seite der pro-russischen Separatisten. Das täglich herausfordernde Leben und die Hoffnung auf ein Ende des Krieges teilen die beiden Männer jedoch, weswegen sie sich regelmäßig besuchen und auf dem Laufenden halten.

Zum Nachdenken hatte er immer Etwas, sie gab ihm einfache und verständliche Anlässe zum Überlegen. Denn eine Frau gab immer mehr Anlässe zum Überlegen als ein Mann.

Seite 238

Zweitweise passierte mir persönlich in der ersten Hälfte des Romans zu wenig, sodass sich die Handlung etwas im Nirgendwo verlor. Zwar sind die politischen Beschreibungen informativ und interessant, doch fehlte mir anfangs der Flow. Erst als Sergej aufbricht, mit dem Ziel, seine Bienen in Sicherheit zu bringen, kommt Bewegung in die Geschichte. Sechs Bienenstöcke sind es, die Sergej vor den Raketenangriffen schützen und in seinem Auto gen Westen bringen möchte. Auf seiner strapaziösen Reise und der Flucht vor dem Krieg muss er erkennen, dass ein Entkommen gar nicht so einfach ist. Immer wieder begegnet ihm Feindseligkeit, die seinen Weg ans Ziel erschweren. Andrej Kurkow gelingt ein messerscharf gezeichnetes Bild der gebeutelten Gesellschaft und den Folgen des Krieges. Trotz seiner melancholischen Grundstimmung konnte mich Kurkows ironische und anschauliche Erzählweise gut unterhalten. Der Beginn verläuft noch etwas schleppend, anschließend schafft es der Autor seine Leser:innen mitzunehmen. Bedauerlicherweise ist dieser schon jahrelang anhaltende Konflikt bei vielen Menschen in den Hintergrund gerückt. Schon deshalb ist es ein wichtiges und empfehlenswertes Buch.

Zitate aus dem Buch

»Er freute sich im Sommer an dem Summen der Bienen und im Winter an der Stille und Sorgenfreiheit, den schneeweißen Feldern und dem grauen, reglosen Himmel. So hätte er das ganze Leben verbringen können, aber daraus war nichts geworden. Etwas im Land ging zu Bruch, dort in Kiew, wo immer irgendetwas nicht in Ordnung war. Es ging derart zu Bruch, dass schmerzhafte Risse durch das Land liefen wie durch Glas, und aus diesen Rissen floss Blut. Der Krieg begann, dessen Sinn nun schon seit drei Jahren für Sergejitsch schleierhaft blieb.« Seite 31

»Bloß hatten die Bienen dank ihrer Ordnung und Arbeit in ihren Bienenstöcken den Kommunismus aufgebaut. Die Ameisen hatten einen echten, natürlichen Sozialismus erreicht, weil sie nichts produzierten, sondern nur gelernt hatten, Ordnung und Gleichheit zu wahren. Und die Menschen? Bei ihnen gab es weder Ordnung noch Gleichheit.« Seite 347

Fazit

Andrej Kurkow zeichnet einen glaubhaften Eindruck des Lebens der Zivilbevölkerung im von Angriffen geplagten Donbass-Gebiet und zeigt die verhärteten Fronten auf. Bei dem Erschaffen seiner Charaktere beweist er entgegen des tragischen Themas viel Humor und ein gutes Gespür für Menschen. Eine Mischung, die sich den Roman flüssig lesen lässt.

Andrej Kurkow

Andrej Kurkow, geboren 1961 in Budogoschtsch, Oblast Leningrad, ist ein ukrainischer Schriftsteller. Kurkow lebt seit seiner Kindheit in Kiew. Dort machte er 1983 am Staatlichen Pädagogischen Fremdspracheninstitut seinen Abschluss. Er arbeitete als Redakteur, Gefängniswärter und Kameramann. Mehrere Drehbücher zu Dokumentar- und Spielfilmen stammen von Andrej Kurkow. Seit 2018 ist er Präsident der PEN Ukraine.


Graue Bienen

von Andrej Kurkow
aus dem Russischen von Sabine Grebing und Johanna Marx
im Original erschienen unter dem Titel »Serye pchely«
Diogenes | 2021 | 448 Seiten
Taschenbuch | ISBN: 978 3 257 24554 7 | 13.00€
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