Hallo ihr Lieben, ich hoffe ihr konntet die Ostertage mit euren Familien genießen und habt den einen oder anderen Schokoladenhasen finden können. Ich war bei meinen Liebsten in Berlin und die Zeit ging wieder rasend schnell vorbei. Gerne möchte ich euch heute von einem, für mich wieder einmal sehr lesenswerten Buch berichten: »Menschenwerk« von der Südkoreanerin Han Kang. Das Buch erschien 2019 im Aufbau-Verlag und thematisiert die gewaltsame Zerschlagung des Gwangju-Aufstands 1980 in Südkorea.

Inhalt zusammengefasst

Nachdem ein Junge stirbt, müssen seine Hinterbliebenen weiterleben. Ihnen stellt sich die Frage, was ihnen ihr Leben noch wert ist. Die Autorin beschreibt in ihrem Roman die fürchterlichen Massaker an Jugendlichen im südkoreanischen Gwangju im Jahr 1980.

Wie war »Menschenwerk«?

Ein Roman, der unter die Haut geht und von schlimmen Taten berichtet, die von Menschen verübt wurden. Keine leichte Kost und ein Buch, das zwar unter 230 Seiten kurz ist, für das ich aber knapp zwei Wochen Zeit brauchte, um all das Geschehene und Beschriebene einordnen und verarbeiten zu können. Han Kang schreibt äußerst mutig und sehr klar von den Zuständen während des Gwangju-Aufstands 1980. Eine studentische Demonstration gegen die Militärdiktatur eskalierte damals und forderte das Leben vieler junger Menschen. Am 18. Mai 1980 beginnt zunächst alles ganz friedlich, bis die Demonstration vom Militär mit schärfster Gewalt beendet wird. Der darauffolgende Aufstand der Bevölkerung gegen eben diese Gewalt führte in den folgenden Tagen zu einem grauenhaften Massaker an Demonstranten.

Mit unvergleichlicher Klarheit und sehr nüchtern beschreibt die Schriftstellerin Han Kang die Folter und das Morden an Menschen, die sich gegen das Militär auflehnten. Es gelingt ihr, auf diese Tragödie aufmerksam zu machen, wachzurütteln und nachhaltig zu beeindrucken. Unvorstellbar scheinen die Taten, die von Menschenhand verübt wurden und das Schicksal vieler Menschen, die sich für den Frieden stark machten. Als sehr erschreckend und grausam empfand ich die Beschreibungen von Folterungen, gleichsam sind sie es, die diesen Roman so stark machen, denn ohne diese präzisen und sachlichen Ausführungen würde die Wichtigkeit der Geschehene nicht deutlich. Trotz der Brutalität und des Gemetzels schafft es Kang, in einer fast poetischen Sprache zu schreiben, die mich sehr berührte und im Kontrast zum barbarischen Inhalt steht.

Wir versprachen uns bis zum bitteren Ende weiterzumachen. Aber im darauffolgenden Jahr wurde dein Vater krank. Das nahm ich ihm übel, auch, dass er im Winter starb. Mich in dieser Hölle einfach alleinzulassen!

Seite 187

Han Kang beleuchtet verschiedene Perspektiven zu unterschiedlichen Zeiten, sodass ein Gesamtbild entsteht, welches einen allumfassenden Eindruck der Geschehnisse ermöglicht. Die schwer auszuhaltenden Schilderungen der Ereignisse trieben mir immer wieder Tränen in die Augen und ließen mich in den Lesepausen fassungslos zurück. Ich spürte Wut und Hilflosigkeit in mir aufkommen wegen der schrecklichen Leiden, die Menschen angetan wurden. Zudem glaube ich, das nicht viele Menschen sich dieses Massakers von Gwangju bewusst sind. Ich musste mich auch erst intensiv mit den Hintergründen auseinandersetzen, um das Buch allumfassend verstehen zu können. Als Leserin wurde ich definitiv an meine Grenzen gebracht und bin Han Kang dafür aber umso dankbarer.

Zitate aus dem Buch

»Je näher Sie wieder der Wirklichkeit kommen, desto weniger grausam ist der Traum. Ihr Schlaf wird leichter, durchscheinend wie Pergamentpapier. Es rauscht in Ihren Ohren und Sie wachen schließlich auf. Doch die Albträume sind nichts im Vergleich zu den echten Erinnerungen, die ihre stummen Begleiter sind.» Seite 159

»Er hat früher als seine Freunde graue Haare bekommen und sein Rücken ist gebeugt, als müsse er die ganze Last auf seinen Schultern tragen. Denkt er vielleicht schon damals an Rache? Wenn ich mir das vorstelle, dann wird mir das Herz unendlich schwer.» Seite 179

»Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich das entstellte Gesicht eines kleinen Mädchens sah. Es war durch ein Bajonett schlimm zugerichtet worden. In diesem Augenblick zerbrach etwas in mir, etwas Zartes, von dem ich gar nicht wusste, dass es da gewesen war.» Seite 197

Fazit

Literarisch ein ganz großes Buch, das von großer Wichtigkeit ist, das aufrüttelt, mahnt und erinnert. Sprachlich trifft der Roman mitten ins Herz.

Han Kang

Han Kang, geboren 1970 in Gwangju, Südkorea, ist eine südkoreanische Schriftstellerin. Sie studierte Koreanische Literatur an der Yonsei Universität in Seoul. Zunächst schrieb sie Gedichte und machte sich einen Namen als Prosaschriftstellerin. 2016 gewann sie für ihren Roman Die Vegetarierin den Man Booker International Prize.


Menschenwerk

von Han Kang
aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
im Original erschienen unter dem Titel »Sonyeoni onda«
Aufbau | 2019 | 222 Seiten
Taschenbuch | ISBN: 978 3 7466 3518 7 | 12.00€
Zum Buch


Wusstet ihr von den Gwangju-Aufständen oder habt euch in der Vergangenheit schon näher damit auseinandergesetzt?