Ihr Lieben, die folgende Rezension ist mir nicht leicht gefallen, denn Bücher von James Baldwin zu besprechen ist immer eine Herausforderung. Er gehört zu meinen Lieblingsschriftstellern, seitdem ich seinen Essayband »Nach der Flut das Feuer« und den Roman »Giovannis Zimmer« gelesen habe. »Ein anderes Land« erschien erstmalig 1962 und wurde vom dtv-Verlag 2021 neu veröffentlicht.

Inhalt zusammengefasst

Der schwarze Jazz-Musiker Rufus aus dem New Yorker Stadtteil Harlem begeht Suizid. Aber warum? Lag es an der tragischen Liebe zu seiner weißen Ex-Freundin Leona? Seine Schwester Ida leidet unter dem Tod ihres Bruders und sucht Antworten. Dabei muss sie sich auch ihrer eigenen Identität stellen und Wahrheiten erkennen, die neue Wunden aufzureißen drohen.

Wie war »Ein anderes Land«?

Es ist wunderbar, dass die Bücher von James Baldwin neu übersetzt wurden, dass sie auch bei neuen Leser:innen Anklang finden und das Interesse wecken. Wie schon in »Nach der Flut das Feuer« und »Giovannis Zimmer« gefällt mir auch hier die Übersetzung von Miriam Mandelkow sehr. »Ein anderes Land« ist ein bewegendes Buch über Alltagsrassismus, Identität, Homosexualität und schmerzhafte Liebe. Baldwins poetischer Schreibstil wird hier ganz besonders deutlich, seine Metaphern erzeugen Kopfkino und lassen in die Atmosphäre des Buches abtauchen.

New York in den 1950er Jahren: Eine kleine Gruppe junger Menschen begegnet sich regelmäßig, meist unter Einfluss von Alkohol, Drogen und Sex, im Nachtleben der Großstadt. Dabei haben sie eine Gemeinsamkeit, sie alle verzweifeln mehr oder weniger am Leben, hadern mit ihren Entscheidungen und ihrer Identität. Sie sind auf der Suche und wissen nicht wonach. Zu allererst wird das Leben von Rufus geschildert, einem schwarzen Jazz-Musiker, der auf einer Party die weiße Südstaatlerin Leona kennen lernt, mit der er eine Beziehung eingeht. Obwohl beide sich lieben, zerstören sie sich. Aggressionen und Gewalt bestimmen ihr gemeinsames Leben. Diese tragische Liebe mündet im Suizid von Rufus.

Aber man kann niemanden vergessen, nach dem man mal so süchtig war, der selbst so süchtig war nach einem, dachte Rufus. Wir können nicht vergessen, was so weh getan hat, was so tief gegangen ist und die Welt für immer verändert hat. Man kann niemanden mehr vergessen, den man zugrunde gerichtet hat.

Seite 73

Seine Freunde haben teilweise unterschiedliche Sichtweisen über Rufus´Charakter und die Beziehung zu Leona. Aber sie alle eint die große Trauer um Rufus. Auf der Suche nach Antworten erfahren wir als Leser:innen mehr über die Figuren des Romans, die nun zu Hauptcharakteren werden. Das raue Setting unterstreicht die Verzweiflung der handelnden Personen. Eines der großen Themen ist der Rassismus in den Vereinigten Staaten. Rufus´ Schwester Ida, die mit dem Tod ihres Bruders hadert, empfindet großen Hass gegenüber Weißen, weil sie selbst viel Diskriminierung erfahren musste. Auch in der Beziehung mit Vivaldo äußert sich ihre Verwundbarkeit auf tragische Weise.

Weitere Charaktere scheitern an einem erfüllten Leben, weil sie ihren Platz darin verzweifelt zu finden versuchen. James Baldwins Sprachgewalt ist überwältigend, sein Gespür für menschliche Gefühle und Abgründe bemerkenswert. Die Unfähigkeit seiner Figuren zu lieben und der tiefe Wunsch nach Zugehörigkeit sind zentraler Bestandteil dieses Romans. Eine weitere wichtige Fürsprache Baldwins gegen den Rassismus und die Diskriminierung in der Welt.

Zitat aus dem Buch

»Aber er wollte, dass ihre Lust seine war, dass sie gemeinsam in den Fluten ertranken.« Seite 222

»Das Problem am Leben im Verborgenen ist, dass es sehr häufig dem Menschen verborgen bleibt, der es lebt, aber durchaus nicht den Menschen, denen er begegnet.« Seite 254

»Menschen sind gnadenlos. Im Namen der Liebe reißen sie dich in Stücke, und wenn du tot bist, wenn sie dich umgebracht haben durch die ganze Quälerei, die sie dir aufdrücken, behaupten sie, du hättest keinen Charakter gehabt. Bittere Tränen vergießen sie – aber nicht um dich, um sich selbst, weil sie ihr Spielzeug verloren haben.« Seite 334 / 335

»Richard war ihr Schutzwall gewesen, nicht nur gegen das Böse in der Welt, sondern auch gegen die Wildnis in ihr.« Seite 456

»Ihr glaubt immer, dass Frauen euch die Wahrheit erzählen. Das tun sie nicht. Das können sie gar nicht! … Dann würden die Männer sie nicht lieben.« Seite 515

Fazit

Baldwin schrieb mit Ein anderes Land einen leidenschaftlichen und kraftvollen Roman, so schmerzhaft und tragisch, aber wunderschön geschrieben. Er zeigt auf, wie Menschen an Vorurteilen zerbrechen.

James Baldwin

James Baldwin, geboren 1924 in Harlem, New York, USA, war ein amerikanischer Schriftsteller und einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Werke handeln vor allem von Rassismus, Sexualität und Identität. Baldwin kämpfte zu Lebzeiten für die soziale und politische Gleichstellung von Schwarzen und Weißen und nahm durch seine Texte großen Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft. Baldwin lebte vor seinem Tod in Frankreich und starb 1987 an der Côte d’Azur.


Ein anderes Land

von James Baldwin
aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow
im Original erschienen unter dem Titel »Another Country«
dtv | 2021 | 576 Seiten
Hardcover | ISBN: 978-3-423-28268-0 | 25.00€
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Ich danke dem dtv-Verlag für die Zustellung des Rezensionsexemplars.