Meine lieben Bücherwürmer, mein zweites Buch in 2022 war »Geschlossene Gesellschaft« von der Österreicherin Verena Stauffer, erschienen im Hochsommer letzten Jahres bei der Frankfurter Verlagsanstalt. Die Erzählerin berichtet in Tagebuchform von ihren Gedanken inmitten der Corona-Pandemie.

Inhalt zusammengefasst

November 2020 in Wien: die Autorin beschreibt den Ausnahmezustand während der Corona-Pandemie. Die Erzählerin läuft während des Lockdowns durch die menschenleeren Straßen der österreichischen Hauptstadt, erlebt diese völlig neu. Ausgangssperren, hohe Inzidenzzahlen, ein einsames Silvester, eine neue, noch unbekannte Wohnung und Nachrichten von ihrem Partner, der weit weg auf einer Insel weilt.

Wie war »Geschlossene Gesellschaft«?

Für dieses Buch eine Rezension zu verfassen, stellte mich vor größere Schwierigkeiten, als zuvor angenommen. Der Titel bringt den Inhalt gut auf den Punkt: »Geschlossene Gesellschaft« beschreibt den gesellschaftlichen Verfall, aber auch den Zusammenhalt während der Pandemie in Österreich. Geschrieben wie ein Tagebuchroman berichtet Verena Stauffer von Glücksmomenten, Verzweiflung, Einsamkeit, Ängsten und dem Wunsch nach Nähe. Dabei wirken die Schilderungen oft verträumt, nachdenklich und oft traurig. Durchweg spürbar ist das Bedürfnis der Erzählerin, die sich immer wechselnden Ereignisse als großes Ganzes begreifen zu wollen.

Die Tagebucheinträge bauen nicht grundsätzlich aufeinander auf, viel mehr sind es Gedankenfetzen und plötzlich auftretende Emotionen, derer sich die Autorin bedient. Zu Beginn des Buches war ich maximal verwirrt wegen der aus meiner Sicht abstrusen Geschehnisse rund um eine bestellte Matratze, die nicht ausgeliefert werden will und wodurch sich die Protagonistin zu einer äußerst ausgefallenen Alternative gezwungen sieht. Im weiteren Verlauf wird deutlich, wie zerrissen und hilflos sich die Erzählerin fühlt. Verena Stauffer schafft eine stille Atmosphäre der Nachdenklichkeit und untermalt diese mit klangvollen poetischen Aussagen. Trotz hoffnungsvollen Augenblicken ist das Erzählte angesichts der Situation immer wieder auch trübsinnig und schwermütig. Mehr als 160 Seiten hätten es für mich deshalb auch nicht sein dürfen.

Zitate aus dem Buch

»Nichts ist so gleichwertig auf die Menschen verteilt wie die Zeit der einzelnen Tage, dennoch gleicht keiner des einen jenem des anderen, er ist millionenfach aufgefächert, schwingt über alle Menschen. Was für manche ein dunkler Tag ist, mag für andere ein heller sein, so entstehen fürchterliche Missverständnisse.« Seite 51

»Das Gebirge bäumt sich in alle Richtungen auf wie Gerüchte, an denen zu viel dran ist. Die Lawinen spitzen nur auf jemanden, der sie lostritt.« Seite 82

»Das war jetzt die Berlinerin in mir, dachte ich und lachte über mich selbst. Ich hatte sie eben zum ersten Mal getroffen.« Seite 107

Fazit

Ein sehr leises und poetisches Buch, das den Umgang der Erzählerin mit der Pandemie aufzeigt.

Verena Stauffer

Verena Stauffer, geboren 1978 in Kirchdorf an der Krems, Österreich, ist eine österreichische Schriftstellerin. Sie studierte Philosophie an der Universität Wien. Ihre ersten Texte veröffentlichte sie im Jahr 2003 für das Literaturmagazin Manuskripte. Stauffer erhielt mehrere Auszeichnungen und Stipendien. 2018 erschien ihr Debütroman Orchis. Verena Stauffer lebt in Wien.


Geschlossene Gesellschaft

Verena Stauffer
Frankfurter Verlagsanstalt | 2021 | 160 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 627 00292 3 | 20.00€
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Mein Dank geht an die Frankfurter Verlagsanstalt für das mir zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.