Meine lieben Bücherwürmer, ich befinde mich immer noch in einem Lesetief, aus dem ich mich herauszuholen versuche und einen großen Anteil hatte ganz aktuell dieser wunderbare Roman »Alles über Heather« vom US-amerikanischen Drehbuchautoren Matthew Weiner aus dem Jahr 2017. Erschienen ist diese Taschenbuchausgabe im deutschsprachigen Raum bei Rowohlt 2019. Die Geschichte erzählt eine Parallelstory zweier gänzlich unterschiedlicher Leben und verknüpft diese miteinander. An dieser Stelle nehme ich vorweg, dass ich begeistert war und im Folgenden versuche ich darzulegen, warum.

Inhalt zusammengefasst

Die Breakstones sind eine scheinbar perfekte Familie. Mark und Karen leben ohne materielle Sorgen im New Yorker Stadtteil Manhattan und haben mit Tochter Heather ihr absolutes Wunschkind bekommen. Was nach außen hin wie eine intakte Familie wirkt, offenbart im Inneren ein labiles Dreieck zwischen Vater, Mutter und Tochter. Und als Heather in die Pubertät kommt und die bedingungslose Liebe ihrer Mutter nicht mehr erträgt, wendet sie sich immer weiter von ihr ab.

Ein ganz anderes Leben führt Bobby Klasky, der Sohn einer drogenabhängigen Prostituierten. Bereits als kleiner Junge muss er mit ansehen, wie seine Mutter sich harte Drogen injiziert und gewalttätige Männer ein- und ausgehen. So führt ihn sein Lebensstil ins Gefängnis. Von Menschlichkeit ist bei Bobby nicht viel übrig geblieben. Letztendlich kreuzen sich die Wege der Figuren, was in einer Katastrophe mündet.

Wie war »Alles über Heather«?

2017 erschien das Buch als Hardcover und ich erinnere mich, dass es mir immer wieder ins Auge fiel und mein Interesse weckte. Mit der Handlung selbst hatte ich mich aber nie näher befasst. Nun aber dachte ich mir, wäre es endlich an der Zeit, mehr über Heather und die Geschichte dahinter zu erfahren, weswegen ich das Buch kurzerhand bestellte und am Tag darauf in einem Rutsch durchgelesen habe. Dass das möglich war, lag neben meiner vielen Zeit durch die Quarantäne vor allem daran, dass es Matthew Weiner gelingt, auf nur 144 Seiten einen brisanten Thriller zu erschaffen, der neben der guten Story selbst, insbesondere durch seine hervorragend ausgearbeiteten Charaktere und seine kluge Erzählweise besticht.

Matthew Weiner, bekannt für die Erfindung der Serie Mad Men, schafft eine gesellschaftliche Tragödie, die sich mitten in Manhattan abspielt. Die Geschichte einer amerikanischen Gesellschaft, mit besonderem Augenmerk auf das New Yorker Bürgertum. Mark und Karen begegnen sich und werden schnell ein Paar. Sie ziehen in eine schmucke Wohngegend, heiraten, er hat Erfolg in der Finanzbranche. Als ihre gemeinsame Tochter Heather geboren wird, scheint ihr Glück perfekt. Heather ist wunderschön und schon im Kleinkindalter zeigt sie große Empathie für ihre Mitmenschen. Für Karen dreht sich das ganze Leben nur noch um Heather, sodass Mark sich häufig aus dem Familienleben ausgeschlossen fühlt. Als sie in die Pubertät kommt, wendet sich Heather von der erdrückenden Zuwendung ihrer Mutter ab. Die kann damit nicht umgehen und fällt in ein tiefes Loch, wo ihre Tochter doch ihr Lebensmittelpunkt war. Heather stellt eigene Privilegien infrage und richtet ihren Blick auf die Wohlstandsverwahrlosung ihrer Eltern. Ihre mitfühlenden und differenzierten Gedankengänge faszinierten auch mich als Leserin sehr.

Heather hatte lange nicht gewusst, wie außergewöhnlich ihre eigene Fähigkeit war, die Empfindungen anderer Leute zu erspüren und manchmal geradezu selbst zu fühlen. Als sie erkannte, dass sich Erwachsene und Freunde all diese Grausamkeiten und Grobheiten unbeabsichtigt oder zumindest unwissentlich zufügten, beschloss sie, sich in sich selbst zurückzuziehen, überwältigt vom Kummer darüber, wie die Menschen miteinander umgingen.

Seite 95

Parallel wird die Geschichte von Bobby erzählt, der wegen seiner schwer traumatisierenden Kindheitserfahrungen, seines hohen Aggressionspotentials und dreieinhalbjährigen Gefängnisaufenthalts am Rande der Gesellschaft steht. Bobby hat weder eine Familie noch Freunde, die Haftzeit hat ihm den letzten Rest Menschlichkeit genommen. Mit einer Tätigkeit auf dem Bau, direkt gegenüber des Hauses der Familie Breakstone, finanziert er seinen Lebensunterhalt. Heather fällt ihm sofort ins Auge, er ist wie besessen von ihr und von diesem Moment an fasst er einen folgenschweren Plan. Mark, der von der Abwendung seiner Tochter gegenüber ihrer Mutter profitiert, verbringt nun regelmäßig Zeit mit Heather. Seine Sorge um sie wächst und als er auf den Bauarbeiter gegenüber und seine Obsession für Heather aufmerksam wird, kommt es zum Showdown.

»Alles über Heather« ist ein ausgeklügelte Psychothriller mit mitreißenden Charakteren und einer hochexplosiven Story, der mich vor allem wegen seiner gesellschaftlichen Tiefe begeistern konnte. Die Darstellung eines gut situierten Ehepaares aus Manhattan, das mit üblichen Problemen kämpft und sich auch durch die überbordende Liebe zu ihrer Tochter verliert, gefiel mir sehr gut. Ich konnte mich einfühlen, nachvollziehen und hinein denken. Das Setting ist treffend und verschaffte mir sofort Bilder im Kopf, die bis zum Schluss blieben. Zwei völlig konträre Gesellschaftsschichten, die Matthew Weiner gekonnt miteinander verbindet und menschliche Abgründe zutage befördert. Ein scharfsinniger Thriller mit beispielloser Umsetzung, den ich uneingeschränkt jedem empfehlen mag.

Zitate aus dem Buch

»Wenn Sie sich nicht ändern können, lernen Sie, sich zu beherrschen. Sie können alles erreichen.« Seite 52

»Sie kannte diese Panik, und nachdem sie zwei Antihistamine mit einem Glas Weißwein heruntergespült hatte, setzte sie sich an den Küchentisch und fertigte die zweite Liste ihres Lebens an, eine Spalte übertitelt mit Gründe zum Weiterleben, die zweite mit Gründe dagegen.« Seite 52

»Für jemand anderen wäre in diesem Moment vielleicht die Zeit stehengeblieben, aber Bobby besaß keine Vorstellung von Zeit, deshalb waren die Dinge für ihn entweder interessant oder langweilig, und wenn es um Menschen ging, bedrohlich oder erregend.« Seite 77

»Schwerer fiel es ihr, ein anderes Geheimnis vor der Welt zu verbergen, nämlich die Melancholie, die hinter ihrem Lächeln steckte. Heather hätte sich längst von ihr verabschiedet oder sie durch Dankbarkeit ersetzen sollen, das wusste sie, und sie hätte das gewiss auch gern getan, hätte es sich nur nicht so gut angefühlt, traurig zu sein.« Seite 97

Fazit

Matthew Weiner zeigt auf eindrucksvolle Art und Weise und auf weniger als 150 Seiten, wie ein gnadenloser Psychothriller mit genialen Charakteren gelingen kann. Eine gesellschaftliches Trauerspiel auf ganz hohem Niveau.

Matthew Weiner

Matthew Weiner, geboren 1965 in Baltimore, Maryland, USA ist ein US-amerikanischer Drehbuchautor, Regisseur, Fernsehproduzent und Schriftsteller. Er studierte an der University of Southern California. Weiner ist Erfinder der Serie Mad Men und wurde insgesamt achtmal mit dem Emmy ausgezeichnet. »Alles über Heather« ist sein erster Roman. Weiner lebt in Los Angeles und hat vier Söhne.


Alles über Heather

aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben
im Original erschienen unter dem Titel »Heather The Totality«
Rowohlt | 2019 | 144 Seiten
Taschenbuch | ISBN: 978 3 499 29146 3 | 10.00€
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Der erste Roman von Matthew Weiner und hoffentlich nicht sein letzter. Wie gefiel euch der Roman?