Herzensbücher #6:
»Niemand verschwindet einfach so« von Catherine Lacey

Es sind Bücher, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben, deren Geschichten einprägsam und bedeutend sind und die einen Mehrwert bieten. Auch werden solche Bücher gern ein zweites oder drittes Mal gelesen, haben einen besonderen Platz im Regal und im Herzen. Es sind Bücher, die man immer weiterempfehlen würde. Die wunderbare Aktion #Herzensbücher von Janika ermöglicht es, persönliche literarische Schätze mit anderen zu teilen.

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An das folgende Buch erinnere ich mich gut. Ich habe es 2017 im Rahmen einer Leserunde gelesen und ich kann sagen, dass es eine sehr einschneidende Erfahrung war. Die Geschichte ist düster und bestimmt von der Schwermut des Hauptcharakters, weswegen ich das Erzählte nicht in einem Rutsch lesen konnte, sondern mir Zeit nehmen musste. Im Mittelpunkt der Handlung steht Elyria, die ihren Mann verlässt, weil sie sich in der Beziehung langweilt. Sie hinterlässt ihm keine Nachricht und bricht mit einem One-Way-Ticket nach Neuseeland auf. Auf den Rücksitzen fremder Autofahrer erlebt sie skurrile und nicht immer ganz ungefährlich anmutende Begegnungen. Was sie auf ihrer Reise sucht, weiß Elyria zunächst selbst nicht, muss aber bald erkennen, dass sie sich selbst immer mehr zu verlieren droht.

Das Debüt von Catherine Lacey wurde in den Vereinigten Staaten groß gefeiert und auch deshalb weckte es meine Neugier. Für den Inhalt muss man in der Verfassung sein, denn er ist geprägt von den melancholischen und depressiven Gedankengängen der Protagonistin. Dennoch lohnt sich die düstere Lektüre wegen ihrer literarischen Kunstfertigkeit und der sehr menschlichen Betrachtungsweise. Die Stimmung und das Setting sind, passend zur Handlung, bedrückend. Die Überlegungen der jungen Frau sind schmerzhaft und so radikal ehrlich, dass es gelegentlich schwer verdaulich scheint. Der Leser erfährt durch Elyria deren traumatische Erlebnisse wie das Verhältnis zu ihrer Mutter und den Freitod ihrer Adoptivschwester Ruby, als auch Gründe für ihr Verschwinden.

Catherine Lacey belegt in »Niemand verschwindet einfach so« ihr großes sprachliches Talent, für welches sie mit dem Writing Award belohnt wurde. Auch Bettina Arbanell wurde für die deutsche Übersetzung, das sei an dieser Stelle erwähnt, mit dem Übersetzerpreis ausgezeichnet. Die Handlung lebt von der bedrückenden Atmosphäre und den komplexen Überlegungen der Hauptfigur, die sich selbst sucht. Das komplizierte und depressive Gemüt von Elyria werden nicht jedem liegen. Sprachlich ist das jedoch ein Buch auf ganz hohem literarischen Niveau und das macht neben dem herausfordernden Charakters und seiner oft erschreckend ehrlichen Denkweise auch die Faszination der Geschichte aus. Der Roman polarisiert zweifelsohne und nicht jeder wird sich ihm öffnen können. Ich für meinen Teil war fasziniert von der authentischen Darstellung der Protagonistin und ihrem zerrütteten Seelenleben.

Zitate aus dem Buch

»…ich war ein menschlicher Trugschluss, sinnlos und deplatziert, ein schlechter Witz, eine Pointe ohne Landeplatz.« Seite 13

»Steckt nicht jeder auf diesem Planeten oder zumindest jeder auf diesem Planeten namens Ich zwischen zwei Impulsen fest, dem Wunsch wegzugehen, als wäre alles nie geschehen, und dem Wunsch, ein guter, liebender, liebevoller, geliebter Mensch zu sein, bei dem alles ohne weiteres Sinn ergibt?« Seite 66

»Ich war kein Mensch, sondern bloß ein Indiz dafür, dass es mich gab.« Seite 240

Fazit

Ein finsterer und beklemmender Roman auf der Suche nach nach Akzeptanz und Selbstverwirklichung. Eine besondere Leseerfahrung.

Catherine Lacey

Catherine Lacey, geboren 1985 in Tupelo, Mississippi, USA ist eine amerikanische Schriftstellerin. Lacey studierte Kunst in New Orleans und absolvierte ein Master-Studium in nicht-literarischem Schreiben in New York. Fü »Niemand verschwindet einfach so« bekam sie den Writing Award. Lacey lebt in Chicago.

Weitere Herzensbücher

Janika von Zeilenwanderer


Niemand verschwindet einfach so von Catherine Lacey
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
im Original erschienen unter dem Titel »Nobody Is Ever Missing«
Aufbau | 2017 | 266 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 351 03680 5 | 22€


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