First Class - Antoine Wilson

Ihr Lieben, in meiner Warteschlange befinden sich derzeit noch drei Bücher, die rezensiert werden wollen, sodass ich wieder vorplanen muss. In einem gemeinsamen Buddy-Read habe ich »First Class« von Antoine Wilson gelesen, ein Roman, der im Kein-&-Aber-Verlag im Frühjahr 2023 erschienen ist. Ein brisanter Dialog zweier Männer, der gesellschaftlichen Auf- und menschlichen Abstieg offenbart.

Inhalt zusammengefasst

Jeff und der namenlose Erzähler der Geschichte treffen in einer Flughafenhalle in Los Angeles aufeinander. Beide Männer kennen sich aus früheren Studienzeiten und nutzen ihre Wartezeit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. An der Bar beginnt Jeff seine Lebensgeschichte offenzulegen, dabei angefangen, dass er einen Unbekannten vor dem Ertrinken rettete und sich nach und nach in dessen Leben einschlich. Dadurch wurde ihm ein gesellschaftlicher Aufstieg zuteil, der im weiteren Verlauf einen hohen Preis forderte.

Wie war »First Class«?

Das eher unscheinbare Cover sagte mir bis zum Entdecken des Buches rein gar nichts, schnell war ich dann aber von der Geschichte gefesselt. Das Flughafensetting, in welchem zwei Männer die sich aus der Vergangenheit kennen, aufeinandertreffen, bildet den Rahmen des Dialogs. Jeff ist ein gut situierter Mann mittleren Alters, dessen Flugziel Berlin ist, und der seinem Gegenüber während des Wartens auf seinen verspäteten Flug, seine brisante Lebensgeschichte schildert. Vom Erzähler erfahren wir hingegen äußerst wenig. In mir machte sich direkt zu Beginn ein unbehagliches Gefühl breit, denn Jeff wirkt durch sein überpräsentes, schwatzhaftes und ignorantes Verhalten zunächst sehr unsympathisch.

Letztendlich erzeugt die durchaus interessante Erzählung von Jeff über die Lebensrettung eines einflussreichen Mannes und die daraus resultierenden Folgen allerdings eine Sogwirkung. Zunächst erwähnt er seine Ex-Freundin Genévieve aus Studientage, über deren Trennung er nie vollständig hinweggekommen zu scheint, was er sich selbst jedoch nicht eingestehen möchte. Schnell ist man beim Lesen dann beim eigentlichen und damit wichtigen Thema, sodass wir als Leser:innen erfahren, wie Jeff vor zwanzig Jahren einem Mann vor dem Ertrinken bewahrte und anschließend beginnt, sich in das Leben des Unbekannten, Francis, einzunisten.

Francis ist erfolgreicher Kunsthändler mit eigener Galerie, verheiratet mit Alison und Vater der jungen Erwachsenen Chloe. Als Jeff sich, in der Hoffnung für seine Wohltat finanziell entlohnt zu werden, an die Fersen von Francis heftet, ist er bald sein Angestellter, ohne dass dieser ihm Beachtung schenkt, geschweige denn ahnt, mit wem er es zu tun hat. Jeff verliebt sich in Chloe, mit der er eine Beziehung beginnt, verdient gutes Geld und profitiert von dem großen Namen seines Schwiegervaters in spe. Obwohl er immer wieder plant, diesem seine Identität zu offenbaren, führen verschiedene Umstände dazu, dass er es immer weiter aufschiebt.

Mich konnte die Geschichte vollständig in seinen Bann ziehen, ich wollte unbedingt wissen, was es mit Jeff, aber auch Francis auf sich hat und ob seine wahren Beweggründe auffliegen würden. Gleichsam konstruiert Antoine Wilson äußert geschickt einen Charakter, der Verständnis in seinen Leser:innen weckt. Was genau bezweckt Jeff mit seinem Vorhaben, zwanzig Jahre später einem ehemaligen Studienfreund seine Lebensgeschichte anzuvertrauen und welche Folgen hatten seine Entscheidungen? Das Ende des Buches ließ mich etwas ratlos zurück, ansonsten gelingt dem Autoren hier eine interessante Charakterstudie und einmal mehr ein spannender Blick in das Innerste eines Menschen. Ich empfehle diesen Roman gerne weiter, weil ich mich sehr gut unterhalten fühlte, nicht aufhören wollte zu lesen und die hier gut konstruierten Charaktere grandios gezeichnet finde.

Fazit

Antoine Wilson überrascht mit einem durchtriebenen und betrügenden Protagonisten, der einem während des Lesens doch nicht gänzlich unsympathisch erscheinen mag. Ein spannender Dialog, der von menschlichen Abgründen erzählt und zeigt, wie weit wir bereit sind zu gehen.

Antoine Wilson

Mit Liebe,
Zeilentaenzerin
with love,
Adelaide
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2 comments

  • Marie says:

    Liebe Zeilentänzerin,
    was für eine spannende Grundidee! Gefällt mir sofort.
    Das Buch ist mir vorher noch nicht ins Auge gefallen, aber deine Rezension liest sich so gut, dass ich mir das Buch merke.
    Sonnige Grüße
    Marie

    Reply

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