»Die Entbehrlichen«
von Ninni Holmqvist

Ihr Lieben, mein Lesemonat Februar ist kein erfolgreicher gewesen. Ich habe angefangen »Die Entbehrlichen« von Ninni Holmqvist zu lesen, bin aber über die ersten sechzig Seiten nicht hinaus gekommen. Mich hat der Roman von Beginn an fasziniert, gleichzeitig musste ich mir viel Zeit dafür nehmen, auch, weil es keine leichte Kost war. Und an diesem Punkt bin ich schon mittendrin. Meine folgende Rezension bezieht sich auf eben dieses Buch, dass ich jetzt, Anfang März endlich beenden konnte. Veröffentlicht wurde diese Ausgabe des Titels 2011 im Fischer-Verlag.

Inhalt zusammengefasst

Mit dem Erreichen ihres 50. Lebensjahres wird Dorrit, alleinstehend und ohne Kinder, in ein Sanatorium eingewiesen, das nur einem Zweck dient: die Bewohner der Anlage müssen sich medizinischen Tests unterziehen und sich Organentnahmen zur Verfügung stellen. Zwar bietet der Komplex den Entbehrlichen, wie sie genannt werden, viel Luxus und jede Menge Annehmlichkeiten, mit der Zeit aber müssen sich die Bewohner immer radikaleren Operationen hingeben, die in einer Endspende und somit dem Tod gipfeln. Die entnommenen Körperorgane kommen den Benötigten zu Gute, denen, die für die Gesellschaft als produktive Mitglieder angesehen werden. Dorrit scheint sich ihrem Schicksal zu fügen, bis sie sich verliebt.

Wie war »Die Entbehrlichen«?

Bereits die Inhaltsangabe ließ mich erschaudern, hat mich gleichsam aber auch sehr neugierig gemacht. Die schwedische Autorin schafft ein dystopisches Szenario, bei dem sie trotz seiner Grausamkeit auf die leisen Töne setzt. Die Protagonistin ist einem schnell sympathisch. Sie bietet wenig Angriffsfläche und während des Lesens empfand ich durchweg aufrichtiges Mitgefühl für ihre ausweglose Situation und die der anderen Bewohner des Sanatoriums. Eine Gesellschaft, die nur diejenigen für nützlich erachtet, die sich fortpflanzen und Partnerschaften führen, ist eine beängstigende Vorstellung, die für mich während des Lesens schwer zu ertragen war. Auch deshalb habe ich mir für den Roman Zeit nehmen wollen.

Weil eine anhaltende Partnerschaft für sie ausblieb und sie auch keine Kinder nachzuweisen hat, gehört Dorrit mit ihrem 50. Geburtstag zu den Entbehrlichen der Gesellschaft. Trotz der düsteren Zukunft die vor ihr liegt, verliert sie ihren Lebensmut nicht, knüpft enge Freundschaften im Sanatorium und trägt ihren Aufenthalt dort mit bemerkenswerter Fassung. Auch die anderen Bewohner haben ihr Schicksal akzeptiert und geben ihrer verbleibenden Zeit möglichst viel Lebensqualität. Dieser Umstand ließ mich die Geschichte überhaupt erst durchhalten. Im weiteren Verlauf aber wird der Leser mit immer extremeren Organspenden konfrontiert, wie z.B. der Entnahme der Hornhaut eines Auges oder einer Niere.

Mit etwa 270 Seiten ist es ein relativ kompaktes Buch, in dem Holmqvist den Sinn des Lebens auf vielfältige Weise zu beschreiben weiß. Ihr Schreibstil, gespickt durch Feinheiten und eine anmutige Sprache, lassen das Erzählte leichter erdulden. »Die Entbehrlichen« geht ans Herz und hat mich sehr betroffen gemacht. Dorrit liebte ihren Hund Jock, mit dem sie ausgiebige Spaziergänge am Strand machte und mit dem sie in ihrem gemütlichen Haus wohnte, bis sie ins Sanatorium eingewiesen wurde. Einige der Menschen, die ihr dort begegnen, werden zu wichtigen Freunden mit denen sie ihre Zeit verbringt und die ihren Tagen mehr Leben geben. Und als sie Johannes trifft, spürt sie eine Zuneigung, die ihr so noch unbekannt war.

Die Bewohner des Sanatoriums leisten keinerlei Widerstand, sie nehmen ihren Platz in der Gesellschaft an, ohne sich dagegen aufzubäumen. Gutes und vielfältiges Essen, die Privilegien Sport zu treiben, die Sauna oder eine Ausstellung zu besuchen sowie Picknicks im Grünen lassen den Aufenthalt zeitweise einer Kur gleichkommen. Auch wegen des schönen Scheins hat die Geschichte eine so starke Sogkraft. Dem Leser ist von vornherein das bittere Ende der Bewohner des Sanatoriums bewusst, dennoch gelingt es Holmqvist, ihn mit ihren faszinierenden Beschreibungen und Möglichkeiten der Anlage einzulullen und keinen Schwermut aufkommen zu lassen. Am Ende dient die Anlage als menschliches Ersatzteillager in einer Welt, in welcher der Wert eines Lebens an seinem gesellschaftlichen Nutzen gemessen wird.

Zitate aus dem Buch

»Unser Leben ist Kapital. Ein Kapital, das unter den Bürgern gerecht verteilt werden muss, auf eine Weise, die Reproduktion und Wachstum, Wohlstand und Demokratie begünstigt. Ich selbst bin nur ein Verwalter; ich verwalte meine gesunden Organe.« Seite 101

»Und ich wäre mehr als gern krank und erschöpft und in ständiger Sorge um vier minderjährige Kinder mit einem Tropfständer durchs Leben gegangen. Denn das war wenigstens ein Leben, auch wenn es sicher die Hölle war. Die Hölle hätte ich gern gehabt, Hauptsache, sie war ein Leben.« Seite 104

»Besonders das älteste Kind hatte etwas, das mich berührte; etwas an ihrem – denn ich hielt es für ein Mädchen – freimütigen Lächeln, etwas an ihrem Blick da hinter den Brillengläsern: eine Art Selbstverständlichkeit und Selbstsicherheit, die Art von seelischer Kraft, die es nur in dieser Zeit gibt, im Alter von fünf, sechs, vielleicht sieben Jahren, oder die zumindest dann auf ihrem Höhepunkt ist und sich danach verliert, Stück um Stück, bis nur noch Scherben und Fragmente davon übrig sind.« Seite 105

»Am Morgen, als wir aufwachten, lagen wir noch in derselben Haltung: wie zwei Ertrinkende, die sich aneinander festgeklammert hatten, in einem letzten fruchtlosen Versuch zur Rettung – oder ganz einfach, um nicht allein sterben zu müssen.« Seite 141

Fazit

Welche Bedeutung hat das Leben und ist jedes gleich viel wert? Dieser höchst bedenklichen Frage widmet sich Holmqvist in ihrem finsteren Roman, der im Kern zwar schwer zu ertragen ist, gleichzeitig aber durch die Schönheit seiner Sprache besticht und den Sinn des Lebens in den Fokus rückt.

Ninni Holmqvist

Ninni Holmqvist, geboren 1958 in Lund, Schweden, ist eine schwedische Schriftstellerin und Übersetzerin. Bevor sie sich für das Schreiben entschied, arbeitete Holmqvist in verschiedenen Berufen. Ihr erstes Buch war eine Sammlung an Erzählungen 1995. Ihr erster Roman wurde 1999 veröffentlicht. 2010 wurde sie mit dem Ludvig-Nordström-Preis ausgezeichnet.


Die Entbehrlichen

von Ninni Holmqvist
im Original erschienen unter dem Titel „Enhet“
Aus dem Schwedischen von Angelika Gundlach
S. Fischer | 2011 | 272 Seiten
Taschenbuch | ISBN: 978 3 59618 331 9 | 9.95€


Was für ein intensives Leseeerlebnis. So schnell lässt mich dieser Roman sicher nicht los. Besonders beeindruckend fand ich den Balanceakt zwischen Grausamkeit und Lebenswillen. Wie gefiel euch das Buch?

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