»Die Vögel sangen ihre letzten Lieder«
von Laird Hunt

Meine Lieben, ich kann verkünden, dass ich mein erstes Buch im November beendet habe. Begonnen hatte ich es bereits Ende Oktober, tat mich aber sehr schwer voranzukommen, was weniger am Buch selbst, als viel mehr an meinem weiter anhaltenden Lesetief lag. Der Roman »Die Vögel sangen ihre letzten Lieder« vom US-Amerikaner Laird Hunt, erschienen bei btb, befasst sich mit einem grauenvollen Ereignis, das sich am 7. August 1930 in Indiana abspielte, einem Lynchmord an mehreren Menschen, dem viele "Schaulustige" beiwohnten. Das Buch wurde am 19. Oktober veröffentlicht.

Inhalt zusammengefasst

Marvel in Indiana 1930: es ist ein glühend heißer Sommertag in einer amerikanischen Kleinstadt. Drei schwarze junge Männer sollen gelyncht werden. Diese Nachricht macht die Runde und verbreitet sich innerhalb kürzester Zeit. Auch Ottie Lee Henshaw macht sich mit ihrem schmierigen Boss Bob und ihrem Ehemann auf den Weg um dabei zu sein. Die Afroamerikanerin Calla Destry will der anhaltenden Gewalt und Unterdrückung entkommen und sucht Leander, den Mann, der ihr ein besseres Leben versprochen hat.

Wie war »Die Vögel sangen ihre letzten Lieder«?

Während dem Lesen lief es mir einige Mal eiskalt den Rücken hinunter. Obwohl nicht explizit auf zu detaillierte Einzelheiten eingegangen wird, ist doch immer klar, was genau die Bewohner von Marvel sich an diesem Sommertag nicht entgehen lassen wollten. Es handelt sich um ein fürchterliches Verbrechen, den geplanten Mord an drei schwarzen, jungen Männern, denen viele Menschen beiwohnen wollen. Mich hat schon die Vorstellung so betrübt und erschüttert, dass ich es nicht nachvollziehbar finde, zu was Menschen doch immer wieder in der Lage sind. Laird Hunt beschreibt dieses reale Ereignis, das sich im August 1930 im US-Bundesstaat Indiana abspielte, auf einnehmende Weise. Die weiblichen Hauptfiguren strahlten für mich eine große innere Stärke aus, auch wenn mir Calla Destry um Einiges näher war als Ottie Lee. Die junge Afroamerikanerin ist mutig, selbstlos und hat eine klare Haltung, mit der sie ihr Ziel erreichen möchte.

Ein paar zartgliedrige Insekten flogen durch das sanfte Licht, und die Blumen sahen, jetzt wo der Tag sich neigte, nicht mehr ganz so welk aus. Der Himmel hatte eine Farbe, die man nicht allzu oft sieht. Es war Lila darin, aber auch Rosa. Gelb, aber auch Orange und Braun. Es gibt keinen schöneren Ort für Sonnenuntergänge als das ländliche Indiana. Ich habe Indiana immer geliebt. Im Guten wie im Schlechten.

Seite 59

Ich habe mich mit den Ereignissen dieses Tages auch unabhängig vom Buch auseinanderzusetzen versucht und recherchiert. Dabei habe ich wenige Quellen finden können, lediglich grausames Bildmaterial, das man sich unbedingt ersparen sollte. Ich finde es gut und richtig, dass der Autor auf Lynchmorde in den Staaten aufmerksam macht, die in der Vergangenheit vielfach begangen wurden. Das Buch ist - selbstredend - keine leichte Kost und geht bis ins Mark. Es half mir persönlich, dass sich vieles um das Ereignis herum abspielt und die Landschaft sowie ihre Bewohner viel Raum bekommen. Hier gefielen mir die Beschreibungen von Hunt und sein Schreibstil im Ganzen sehr. Am Ende blieb ich sehr wütend, fassungslos und traurig zurück, dennoch froh darüber, wieder mehr über vergangene Ungerechtigkeiten erfahren zu haben, die nicht vergessen werden dürfen. Die Umsetzung dieses tragischen Themas in einen Roman verpackt, finde ich sehr gelungen.

Zitate aus dem Buch

»Ulkig, was einen auf dieser Welt so ereilt. Die Liebe in ihrer ganzen Absonderlichkeit.« Seite 62

»Ich fragte Bob, wieso man ihn eigentlich damals in Georgia sechzehn Stunden in einen Blechschuppen gesperrt hatte, und er sagte, er habe sich erhoben, statt sich zu ducken, genau wie ich.« Seite 254

Fazit

Eine sehr verstörende Geschichte über ein wahres Verbrechen, das mich lange nicht loslassen wird. Ein weiteres Stück amerikanische Geschichte, sehr klug geschrieben.

Laird Hunt

Laird Hunt, geboren 1968 in Singapur, ist ein amerikanischer Schriftsteller. Er studierte kreatives Schreiben und anschließend französische Literatur an der Sorbonne in Paris. Hunt arbeitete u.a. an der Universität in Denver. Mit seiner Frau lebt er in Rhode Island und arbeitet als Professor für Literatur an der Brown University in Providence.


»Die Vögel sangen ihre letzten Lieder«

von Laird Hunt
aus dem Englischen von Kathrin Razum
im Original erschienen unter dem Titel »The Evening Road«
btb | 2022 | 288 Seiten
Taschenbuch | ISBN: 978 3 442 71685 2 | 12.00€
Zum Buch


Mein Dank geht an Randomhouse und den btb-Verlag, die mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

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4 comments

  • Livia says:

    Liebe Zeilentänzerin

    Ich kann dich sehr gut verstehen und so ein Buch kann auch richtig heftig sein und ich wäre wohl auch eher langsam vorangekommen.

    Aber: die Geschichte klingt super spannend. Ich werde mir das Buch mal ansehen.

    Alles Liebe
    Livia

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    • Zeilentaenzerin says:

      Danke Livia, freut mich, dass ich dich neugierig machen konnte. Spannend auf jeden Fall, aber besonders wegen seiner Heftigkeit und da die Story auf wahren Begebenheiten beruht, nicht ohne.

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  • Marie says:

    Hallo liebe Zeilentänzerin,
    eine sehr spannende und einfühlsame Rezension. Vielen Dank dafür! "Klug geschrieben" - das Buch wandert auf meine Leseliste.
    Beim Lesen deiner Rezension musste ich übrigens sofort an "Mercy Seat" von Elizabeth H. Winthrop denken. Kennst du das Buch? Ich kann es dir sehr empfehlen.
    Alles Liebe
    Marie

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    • Zeilentaenzerin says:

      Hallo Marie. Danke für deine sehr wertschätzenden Worte! Und vielen lieben Dank für deinen Buchtipp. Ich kenne den Titel nicht, aber erkundige mich direkt mal!

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