Hallo zusammen, der Januar rast und ich komme kaum mit dem Schreiben meiner Rezensionen hinterher. Gelesen habe ich in diesem Monat bisher sechs Bücher, darunter allerdings drei Kinderbücher. Einen meiner letzten beiden Romane möchte ich euch in meiner heutigen Buchbesprechung gerne näher vorstellen. »Meine Freundin Natalia« von der Finnin Laura Lindstedt thematisiert ein Machtspiel zwischen Patientin und Therapeut:in. Der Roman wurde im November 2021 bei dtv veröffentlicht.

Inhalt zusammengefasst

Natalia hat ein Problem mit ihrer Sexualität, denn kein Partner und kein Abenteuer bringen ihr langfristig Befriedigung. Mit einer experimentellen Behandlungsmethode möchte ihr:e Therapeut:in Natalia dabei helfen, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Diese findet immer mehr Gefallen an den Einheiten und genießt das Zur Schau stellen ihrer Fantasien. Entsprechen die Schilderungen von Natalia aber auch der Realität?

Wie war »Meine Freundin Natalia«?

Ich habe mich mit diesem Roman an eine Thematik heran gewagt, mit der ich mich literarisch noch nie befasst habe und die sicher nicht in jede Lebenslage passt. Gereizt hat mich das Machtspiel zwischen Patientin und Therapeut:in (hier erfährt der / die Leser:in nicht, um welches Geschlecht es sich handelt). Der Sprachstil ist anstößig, obszön und teils pornografisch, was der Handlung entsprechend zu Erwarten war. Dennoch musste ich das Buch wegen der doch oft krassen Ausführungen und Schilderungen von Natalia unterbrechen, zumal ich lange glaubte, die Geschichte würde sich in eine Richtung entwickeln, deren Inhalt für mich schwer zu ertragen gewesen wäre. Dem war zwar nicht so, es sei aber erwähnt, dass die Beschreibungen der Patientin nicht jedem liegen werden.

Ich brüllte sie in zehnminütigen Intervallen mit verheulter Stimme an mein Bett und war am Ende selbst erschöpft davon, aber ich musste einfach brüllen, denn hätte ich nur fünfzehn Minuten den Mund gehalten oder so getan, als ob ich schlief, hätten sie meine Zimmertür geschlossen, und meine Welt wäre unwiederbringlich in sich zusammengestürzt, so wie es bereits viele Male geschehen war.

Seite 189

Sehr gelungen finde ich die Einführung von Kunst, Literatur und Philosophie, derer sich der / die Therapeut:in hier bedient. Sehr schnell war ich fasziniert vom vermeintlichen Selbstbewusstsein Natalias und ihren mutigen Denkanstößen, die mich im Verlauf aber auch oft fassungslos machten. Nicht immer wird deutlich, wieviel Wahrheit in ihren Äußerungen steckt und was sie mit diesen bezweckt. Gegen Ende war für mich ein wenig die Luft raus, denn ich vermutete, es würde ein unvorhergesehener Schluss folgen, der letzte Erklärungen bereithalten würde. Das blieb aber aus. Die Sprache Lindstedts zeugt von Genialität und Können. Insgesamt wirkte die Protagonistin auf mich manchmal zu überzeichnet. Eine sehr interessante Leseerfahrung für mich und ein Ausflug in eine ganz neue Welt.

Fazit

Für diesen Roman muss man zweifelsohne in der Stimmung sein und sich vorab mit dem Thema auseinandersetzen. Rein sprachlich ist es ein empfehlenswertes Buch, denn es beweist einen mitreißenden Erzählstil. Die Ausführungen Natalias waren mir, auch in dem Wissen, welcher Thematik sich hier bedient wurde, oft zu derb und vulgär. Das wiederum ist aber reine Empfindungssache, sodass ich dem Roman keine schlechte Bewertung aussprechen kann.

Laura Lindstedt

Laura Lindstedt, geboren 1976, ist eine finnische Schriftstellerin. Sie studierte Philosophie, Semiotik, Französisch und Kunstgeschichte in Helsinki. 2015 wurde ihr Roman Oneiron mit dem Finlandia-Preis ausgezeichnet.


Meine Freundin Natalia

Laura Lindstedt
Aus dem Finnischen von Maximilian Murmann
im Original erschienen unter dem Titel »Ystäväni Natalia«
dtv | 2021 | 256 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 423 28290 1 | 22.00€
Zum Buch


Ich danke dem dtv-verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.