Guten Morgen ihr Lieben, ich wünsche euch zunächst einmal ein frohes neues Jahr! Auf dass es ein leichteres wird als das vergangene. Es ist Sonntag, die Sonne scheint gerade durch unsere Fensterfront im Wohnzimmer und macht Lust auf viel Lesen auf dem Sofa. Mit dem heutigen Tag startet auch mein Vorhaben mit einer größeren Gruppe zu lesen. Ich bin einem Buchclub beigetreten und freue mich auf die Erfahrung. Mehr dazu findet ihr hier und hier.  Beendet habe ich gestern Abend »Normale Menschen« von Sally Rooney. Das Buch wurde im Sommer 2020 bei Luchterhand veröffentlicht. Es handelt von der Geschichte zweier junger Menschen, die ein Paar sind, aber keines sein wollen.

Inhalt zusammengefasst

Handlungsort ist eine Kleinstadt im Westen Irlands. Marianne und Connell besuchen dieselbe Schule und sind eng befreundet. Connell erfreut sich vieler Freunde und großer Beliebtheit, während Marianne die sonderbare Außenseiterin ist. Das komplexe Verhältnis beider macht auch die Faszination zwischen ihnen aus. Sie versuchen einander fernzubleiben und fühlen sich doch magnetisch zueinander hingezogen. Eine On/Off-Liebesgeschichte.

Wie war »Normale Menschen«?

Zu Beginn muss ich sagen, dass ich mit sehr hohen Erwartungen an das Buch heran gegangen bin. Ich mag herausfordernde Familien- und Paargeschichten und war aufgrund des Debüts von Rooney neugierig auf ihren zweiten Roman, der schnell zum Bestseller avancierte und in aller Munde war. Die Charaktere des Buches, Marianne und Connell, sind erfolgreiche Schüler und miteinander befreundet. Sie leben in einem irischen Provinzstädtchen, in welchem Connell´s Mutter bei Marianne´s Familie als Putzfrau tätig ist. Die beiden verbindet eine Beziehung, die sie auf Wunsch von Connell jedoch geheim halten. Er ist der gut aussehende und intelligente Fußballstar der Schule und sie unscheinbar, verschlossen und anderen suspekt. So hat mich die Ausgangslage bereits nach den ersten Kapiteln an vieles erinnert, das ich bereits gelesen habe.

Marianne ist ohne Frage der auffälligere Charakter der beiden und das nicht zuletzt wegen ihrer selbstzerstörerischen Verhaltensweisen und dem Drang, sexuell unterworfen zu werden. An dem Umstand eine Einzelgängerin zu sein stört sie sich zunächst nicht. Die Meinungen anderer sind für sie unerheblich, die Verbindung zu Connell ist das einzige, woran sie festhält. Wohl auch, weil das Verhältnis zu ihrer Mutter, einer Anwältin und ihrem Bruder Alan geprägt ist von Lieblosigkeit und Gewalt. Als Marianne ans Trinity-College geht um Literatur zu studieren, überredet sie Connell dasselbe zu tun. Und fortan verschieben sich die Rollen der beiden. Sie kann aus ihrer Herkunft plötzlich Kapital schlagen, während er nur noch als Dorfkind aus einfachen Verhältnissen wahrgenommen wird.

Obwohl beide sich vertraut bleiben und nicht ohne einander können, geraten sie doch immer wieder in Situationen, in denen sie sich zu verlieren drohen. So lädt Connell Marianne nicht zum Abschlussball ein, was diese sehr kränkt und es folgen immer wieder monatelange Unterbrechungen. Sie sucht nach ihrem eigenen Wert und er nach beruflicher Anerkennung. Obwohl sie nun Freundschaften und auch kurze Beziehungen führt, wirkt Marianne nicht glücklich und auch Connell sehnt sich nach der Verbindung zu Marianne. Dennoch bleibt das Verhältnis inkonstant und der Status unklar. Der Klappentext verrät, dass es sich um eine On-/Off-Geschichte handelt und doch habe ich mir das Buch ganz anders vorgestellt. Die Figuren blieben mir ähnlich fern wie der Schreibstil von Rooney, der schlicht ist und den Leser auf Distanz hält.

Ihr Umfeld, die Menschen um Marianne und Connell herum, bleiben blass. Rooney geht zwar grob auf die Familienverhältnisse beider ein und als Leser lernt man am Rande die Mütter und Marianne´s Bruder kennen, in die Tiefe geht die Autorin hier aber nicht. Von den Mitschülern und Kommilitonen bleiben höchstens Namen hängen. Immer wieder im Vordergrund steht die masochistische Seite von Marianne und ihre von Macht geprägten Affären mit anderen Männern, in denen sie sich selbst zum Opfer macht, um sich in ihrem Selbsthass zu spüren. Was beide wirklich voneinander wollen bleibt ein Geheimnis.

Ich habe mir keine seichte Liebesgeschichte erhofft. Mich störte dennoch, dass es vordergründig um das fehlende Selbstvertrauen von Marianne ging, dass sich in exzessiven Verhaltensweisen äußerte und die Beziehung zu Connell an den Rand drängte. Was beide wirklich füreinander fühlen blieb für mich bis zuletzt im dunklen. Somit kann ich dieser Verbindung nichts romantisches abgewinnen oder in ihr einen tieferen Sinn vermuten. Das hat Rooney vielleicht auch nicht bezwecken wollen. Für mich alles in allem eher enttäuschend.

Zitate aus dem Buch

»Sie fühlt sich von dem Gewicht der Macht, die er über sie hat, angenehm erdrückt, von der gewaltigen, entzückenden Tiefe ihres Verlangens, ihm zu gefallen.« Seite 281

»Ihr Körper ist nur ein Besitztum, und obwohl er herumgereicht und auf verschiedene Arten missbraucht wurde, hat er immer irgendwie ihm gehört, und es kommt ihr vor, als würde sie ihn jetzt zurückgeben.« Seite 282

Fazit

Ich hatte mir von »Normale Menschen« viel mehr versprochen. Was bleibt ist ein riesiges hin und her ohne klares Ende und eine Freundschaft, die nicht gesund erscheint. Die einzelnen Kapitel wirken zu sehr in die Länge gezogen und verlieren sich in immer gleichen Handlungen. Die Beziehung der beiden bleibt verschwommen und undurchsichtig, aber möglicherweise ist das der Grund des Erfolges dieses Buches. Für mich war dieser Schwebezustand leider nichts.

Sally Rooney

Sally Rooney, geboren 1991 in Irland, ist eine irische Schriftstellerin. 2009 begann sie ihr Literaturstudium am Trinity College in Dublin. Sie schloss es mit einer Arbeit über Captain America und amerikanischer post-9/11-Politik in amerikanischer Literatur ab. Ihr Debütroman Gespräche mit Freunden wurde für mehrere Literaturpreise nominiert. Sie lebt in Dublin.


Normale Menschen

von Sally Rooney
im Original erschienen unter dem Titel »Normal People«
aus dem Englischen von Zoë Beck
Luchterhand | 2020 | 316 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 630 87542 2 | 20€


Mich konnte Sally Rooney mit ihrem zweiten Roman nicht einfangen. Wie erging es euch beim Lesen?