Sachbuch

»Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?«
von Till Raether

Guten Tag zusammen, die Sonne scheint und es wird zumindest heute etwas milder draußen. Da lässt es sich auf dem Balkon gut aushalten und eine neue Rezension verfassen. Ich habe gerade eine kleine Leseblockade und hoffe, dass die sich bald wieder löst. In  meinem Regal warten unzählige Bücher darauf gelesen zu werden. In der Warteschleife habe ich zudem einige noch nicht rezensierte Bücher entdeckt, so auch das folgende: »Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?« von Till Raether war nach langer Zeit mein erstes Buch zur Thematik. Es gibt Themen, die mich abseits der gängigen Kategorien interessieren und dazu gehört eben dieses. In den letzten Jahren habe ich viel aus dem Bereich gelesen und sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht.  Veröffentlicht wurde »Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?« kürzlich im Rowohlt-Verlag.

Inhalt zusammengefasst

Till Raether hat Depressionen und fühlt sich dadurch häufig müde und kraftlos. Seit sehr vielen Jahren kennt er sich mit dieser Erkrankung und musste erst lernen, sie zu akzeptieren und als solche anzunehmen. Denn lange stellte er sich die Frage, ob es sich dabei womöglich schlicht um das ganz normale Leben mit all seinen Herausforderungen handeln könnte. Mit Einfallsreichtum und Charme versuchte er lange, seine Depression vor Familie, Freunden und Kollegen zu verbergen. In diesem Buch beschreibt er seinen Umgang mit der Erkrankung, die Schwierigkeiten die mit ihr einhergehen und seine Hilflosigkeit und Überforderung. Er gibt Betroffenen Hoffnung, wie diese mit ihrer Depression leben können und was ihnen dabei helfen kann.

Wie war »Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?«

Mit knapp 130 Seiten ist das Buch kompakt und liest sich sehr flüssig. Raether schreibt aus eigenen Erfahrungen, was das Geschriebene authentisch macht und mir persönlich sehr wichtig ist. So fühlen sich Leidtragende ernst und wahr genommen und können sich häufig in den Äußerungen wieder finden. Das Buch ist aufgeteilt in verschiedene Kapitel, die sich alle dem Umgang mit Depressionen widmen und Hilfestellungen bieten. Obwohl der Kolumnist und Journalist über seine eigenen Erfahrungen spricht, gelingt es ihm durch seine Ausführungen, anderen hilfreiche Handlungsalternativen anzubieten.

Durch seine Beschreibungen macht er seine Erschöpfung und Traurigkeit deutlich, sodass der Leser sich in seine Lage hineinversetzen kann. Tiefe Schamgefühle wegen seines vermeintlichen Unvermögens und die ständige Suche nach neuen Ausreden, weshalb er Verabredungen nicht wahrnehmen könne, begleiteten lange seinen Alltag. Da auch seine Mutter bereits unter dieser Erkrankung litt, sah sich Raether schon in jungen Jahren mit der Thematik Depressionen konfrontiert. Viele Menschen werden sich mit Till Raether identifizieren können und in diesem Buch einen Begleiter finden. Sowohl Angehörige als auch Betroffene von Depressionen.

Ich mag die Art, wie der Autor seinen Lesern auf humorvolle und dennoch ernsthafte Weise näher bringt, was es heißt, depressiv zu sein. Hier wird Betroffenen große Wertschätzung zuteil, auch weil der Fokus ganz klar darauf liegt, sich selbst in dieser Lebenssituation zu respektieren. Besonders die Abschnitte Zusammen reißen und Anerkennung spielen eine wichtige Rolle in Bezug auf Selbstakzeptanz und sind hier hervorzuheben. Ich kann das Buch in jedem Fall jedem Interessierten ans Herz legen.

Zitate aus dem Buch

»Das Wichtigste für mich ist: Ich habe mich nicht damit abgefunden, dass es mir nie so richtig gut und manchmal sehr schlecht und oft mittelschlecht geht. Die milde, nicht so schwere Depression lädt genau dazu ein: sich abzufinden. Sich eben wirklich zusammenzureißen, wie es einem die Herzlosen immer raten.« Seite 21

»Ich glaube nicht, dass es im Rahmen dessen, was nicht juristisch zu ahnden ist, etwas Destruktiveres und Traurigeres gibt, als Kindern ein schlechtes Gefühl zu verursachen…« Seite 86

Fazit

Ein hilfreiches Buch über die Volkskrankheit Depression, die immer noch verpönt scheint. Auf warme und respektvolle Weise gelingt es dem selbst betroffenen Autoren, anderen Betroffenen Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Till Raether

Till Raether, geboren 1969 in Koblenz, ist ein deutscher Journalist, Kolumnist und Schriftsteller. Er studierte Amerikanistik und Geschichte an der Freien Universität Berlin und an der Tulane University New Orleans. Zwischen 2002 und 2005 war er Chefredakteur der Frauenzeitschrift Brigitte. Zudem arbeitete er als freier Journalist für weitere Zeitschriften. Er veröffentlichte mehrere Kriminalromane. Till Raether ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Hamburg.


Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?

von Till Raether
Rowohlt Polaris | 2021 | 128 Seiten
Taschenbuch | ISBN: 978 3 499 00530 5 | 14€


Es wurde wieder Zeit für ein Sachbuch. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und kann das Buch besonders Betroffenen empfehlen. 

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