Hallo zusammen. Wie gut es gerade tut, in andere Welten abzutauchen und dem zu entfliehen, was da draußen in der Welt täglich Fürchterliches geschieht. Ohne Bücher wäre es mir gerade fast unmöglich, mich von den negativen Gedanken und Ängsten zu befreien. Ganz spontan habe ich in meinem Bücherregal zu »Der Erinnerungsfälscher« von Abbas Khider gegriffen und das Buch an einem Stück gelesen. Diese Ausgabe erschien Anfang diesen Jahres bei Hanser. Der Protagonist Said erlebt den irakischen Krieg, dramatische Fluchterfahrungen, die Herausforderungen der deutschen Bürokratie und Alltagsrassismus.

Inhalt zusammengefasst

Said Al-Wahid, der aus der irakischen Hauptstadt Bagdad stammt, lebt mit seiner Partnerin und seinem kleinen Sohn im Berliner Stadtteil Neukölln. Eines Tages muss er erfahren, dass seine Mutter im Sterben liegt und so macht er sich nach vielen Jahren auf den Weg in sein Herkunftsland. Auf seiner Reise und je näher er seiner Heimat kommt, werden Erinnerungen an die damalige Zeit wach. An seine Kindheit im Irak, seine Flucht und das Ankommen in Deutschland. Said weiß nicht immer, ob seine Erinnerungen der Realität entsprechen oder verfälscht wurden. Aber genau dieser Umstand ist es, der ihm Hoffnung gibt.

Wie war »Der Erinnerungsfälscher«?

Said, der im Irak geboren und aufgewachsen ist, lebt mit seiner deutschstämmigen Frau Monica und dem gemeinsamen, fast siebenjährigen Sohn Ilias in Berlin-Neukölln. Er arbeitet als Schriftsteller und bekommt nach einer Lesung in Mainz die traurige Nachricht, dass seine Mutter in Bagdad im Sterben liegt. Sein Vater starb Ende der Siebzigerjahre, nachdem Saddam Hussein im Irak an die Macht kam. Auch seine Schwester Nabila verliert er durch ein Bombenattentat, begangen von einem vierzehnjährigen Jungen. Als sich Said auf die Reise nach Bagdad macht, um seine Mutter noch einmal zu sehen, erinnert er sich an seine Fluchterfahrungen, die Zwischenstationen in Jordanien, Libyen und Griechenland sowie seinen Start in Deutschland.

Besonders nervenaufreibend hat er den Kampf um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Erinnerung. Zudem macht er Erfahrungen mit Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit, ganz egal ob in Kneipen oder behördlichen Institutionen. Insbesondere sein Aussehen ist es, das ihn immer wieder in unangenehme Situationen bringt und jedes dumme Klischee zu bestätigen scheint. Weil Said unbedingt schreiben möchte, ihm aber die Kraft und Inspiration dazu fehlen, bedient er sich der Erinnerungsfälschung, einem Instrument, auf das er im Internet aufmerksam wird und das fehlende Erinnerungen durch erfundene ersetzt. So lassen sich für den Familienvater und Schriftsteller auch schmerzliche Rückblicke in die Vergangenheit leichter tragen.

Abbas Khiders beeindruckende Biografie hat mich neugierig gemacht und so habe ich mir vor einiger Zeit zwei seiner Titel im Kulturkaufhaus bestellt. Dies war nun mein erstes Buch von ihm und ich bin schon sehr gespannt auf weitere. »Der Erinnerungsfälscher« offenbart autobiografische Züge und zeigt wie prägend Krieg und Folter für betroffene Menschen sein können. Trotz seiner Kürze ist der Roman – auch sprachlich – ein intensives Erlebnis. Er erweckt kein Mitleid, macht aber ehrlich betroffen und nachdenklich. Besonders die letzten beiden Kapitel im Buch fand ich sehr berührend und, genau wie den Inhalt im Gesamten, sehr gelungen.

Zitate aus dem Buch

»Im Irak, das weiß Said, drehen sich die Minutenzeiger nicht über Ziffern, sondern über Wunden.» Seite 8

»Es ist, als hätte Said eine Affäre, von der keiner erfahren soll, eine mit sich selbst.» Seite 29

»Träume kann man scheinbar nicht zur letzten Ruhe geleiten. Sie sind wie eine verworfene Liebe, egal, was danach passiert, es bleiben immer merkwürdige Stiche im Herzen zurück.» Seite 31

»Sie traute dem Frieden nicht. Erst wenn das nächste Unglück kam, beruhigte sie sich wieder. Mit Krisen konnte sie umgehen, im Glück war sie eine ewige Anfängerin. Sie war nicht daran gewöhnt. Sie kannte Sorgen, Elend, Ängste und Kämpfe. Aber Ruhe, Frieden, Glück? Das waren Fremde aus weit entfernten Regionen.» Seite 36

»Wenn ein Migrant mit etwas kommt, das man in Deutschland nicht begreift, nennt man es Trauma.» Seite 47

»Diese Phase seines Lebens versucht er zu verdrängen. Sie gehört zu den Minenfeldern im Gedächtnis, die er nicht gern betreten möchte» Seite 108

Fazit

Ein berührender Roman über die prägenden Erlebnisse des Krieges und tief in der Gesellschaft verwurzelte Vorurteile. Wunderschön und sehr authentisch geschrieben, kann ich »Der Erinnerungsfälscher« uneingeschränkt empfehlen.

Abbas Khider

Abbas Khider, geboren 1971 in Bagdad, Irak, ist ein deutsch-irakischer Schriftsteller. Nach seinem Abitur studierte Khider ein Jahr Finanzwirtschaft in Bagdad. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten gegen das Hussein-Regime wurde er im Laufe seiner Flucht elf Mal verhaftet. Zwischen 1993 und 1995 befand er sich in irakischer Haft und wurde dort gefoltert. 1996 kam er schließlich frei. Er lebte anschließend in Jordanien und Libyen. Für eine Exilzeitschrift fing er an Artikel zu schreiben. Seit 2000 lebt Abbas Khider in Deutschland. Er machte in Potsdam sein deutsches Abitur, studierte Literatur sowie Philosophie in München und Potsdam. Er besitzt seit 2007 die deutsche Staatsbürgerschaft und lebt in Berlin.


Der Erinnerungsfälscher

von Abbas Khider
Hanser | 2019 | 128 Seiten
Hardcover | ISBN: 978 3 446 27274 3 | 19.00€
Zum Buch


Ein sehr eindrucksvoller Roman, der mich noch lange beschäftigen wird und ich bin voller Neugier auf weitere Bücher des Schriftstellers.