So wie du mich willst – Camille Laurens

Hallo zusammen. Ich kann einfach nicht glauben, dass Weihnachten 2023 schon wieder der Vergangenheit angehört und wie uns mit großen Schritten dem Jahreswechsel nähern. Macht euch die schnell voranschreitende Zeit auch manchmal Angst? Ich hoffe jedenfalls, ihr hattet besinnliche Stunden mit euren Liebsten, völlig unabhängig davon, wie ihr die Tage verlebt hat. Unbedingt möchte ich meine Buchbesprechung zu einem Roman, der mich sehr bewegte und deren Autorin mehr Aufmerksamkeit gebührt, noch in diesem Jahr veröffentlichen.

Inhalt zusammengefasst

Claire ist 48 Jahre alt, Literaturprofessorin und geschieden. Sie hadert mit dem Alter, der Tatsache, dass alles vergänglich ist und dem unguten Gefühl, dass ihr Geliebter Jo sie verlassen könnte. Deshalb entschließt sie sich ein gefälschtes Facebook-Profil anzulegen und sich als vierundzwanzigjährige, alleinstehende Frau auszugeben. Sie beginnt mit dem Mitbewohner von Jo, Christophe, zu schreiben, der sehr viel jünger ist als sie und verwickelt ihn in ein Gespräch. Es folgen weitere und beide werden sich immer vertrauter, sodass sich eine Liebesgeschichte entsteht, die nicht ohne Folgen bleiben kann.

Wie war »So wie du mich willst«?

Mir sagte der Name der Schriftstellerin zunächst gar nichts und auch als ich mich näher mit ihrer Person befasste, änderte das nichts, sodass ich sehr neugierig auf diesen Roman war, der autofiktional geschrieben sein soll. Ich habe auf den ersten Seiten sehr schwer in die Geschichte hineingefunden, das änderte sich dann aber ebenso schnell wieder. Was sofort auffällt ist der sehr anspruchsvolle Erzählstil, der den Roman schon allein sprachlich zu einem Genuss werden lässt. Camille Laurens gewährt ihren Leser:innen mit diesem Buch einen tiefen Einblick in die Psyche ihrer Protagonistin Claire, die ein gefälschtes Internet-Profil anlegt, um ihren Geliebten besser im Auge zu haben.

Schnell entwickelt sich ein gefährliches Cyberspace-Spiel aus Leidenschaft, Liebe und Lügen. Claire hadert mit ihren Lebensentscheidungen, dem Ausbeuten ihres Geschlechts und dem Alterungsprozess. Weil sie ihrem Geliebten Joe, der sich kürzlich von ihr getrennt hat, nicht vertraut, versucht sie über den Kontakt zu seinem Mitbewohner Christophe herauszufinden, wie das Leben von Joe nun aussieht, was er treibt und mit wem. Dies alles geschieht über ein angelegtes facebook-Profil, in welchem Claire sich als wesentlich jüngere Frau ausgibt und auch ein anderes Foto verwendet, um ihre Identität zu verbergen. Innerhalb kurzer Zeit entsteht zwischen Claire und Christophe eine Liebesgeschichte, die mich sehr berühren konnte. Es wird fortan immer schwieriger für Claire den Fragen nach einem Treffen auszuweichen.

Zu viel Verlassenheit und ich entwickle ein Quincke-Ödem, ich ersticke, krepiere-, für Leute wie mich ist das Internet gleichzeitig der Untergang und das rettende Floß: Man droht zu ertrinken beim Hinterherjagen, beim Warten, man kann nicht abschließen mit einer Geschichte, obwohl sie vorbei ist, man kann nicht um eine Beziehung trauern, wie tot sie auch sein mag, und gleichzeitig hält man sich dank des Virtuellen an der Oberfläche, man klammert sich an die künstlichen Präsenzen, die im Netz herumspuken, und statt loszulassen, bindet man sich neu. Und sei es nur durch den kleinen grünen Punkt, der anzeigt, dass der andere online ist!

Seite 21

Die Abschnitte im Buch werden aus Sicht von Claire und ihrem Therapeuten erzählt, dem sie die ganze Geschichte und vor allem das Ende anvertraut. Das eine Ende scheint es aber nicht zu geben, denn die dramatische Liebesgeschichte zwischen Claire und Christophe endet immer anders, sodass ich als Leserin selbst nicht wusste, was ich nun glauben kann. Camille Laurens gelingt es auf beeindruckende und komplexe Weise, Realität und Fiktion miteinander zu vermischen, sodass man beim Lesen selbst nicht mehr weiß, was Wahrheit und was Lüge ist. Claire begibt sich in eine immer gefährlicher werdende Obsession, als sie sich gegenüber Christophe als jemand anders ausgibt. Und die Folgen sollen verheerend sein. Wer ist Claire und was ist wirklich geschehen? Diese Fragen begleiten durch das gesamte Buch hinweg.

Was mir sehr gefiel sind die tabulosen Aussagen, die nicht immer schmeichelhaften Gedanken von Claire über sich selbst, über das weibliche Geschlecht und die Vergänglichkeit von Schönheit, die ihr zusetzt. Laurens benennt schonungslos die größten Ängste einer Frau hinsichtlich ihrer Attraktivität. Die Autorin steckt den Finger in die Wunde und setzt beim Lesen Gedankengänge in Prozess. Viele ihrer Schilderungen können als gesellschaftskritisch verstanden werden. Auch die psychische Gesundheit von Claire spielt eine zentrale Rolle, auch hier gefiel mir die Umsetzung, denn das, was an ihrem Verhalten augenscheinlich hin und wieder irre erscheinen mag, ist im Grunde zutiefst menschlich, wenn auch, wie hier beschrieben, nicht immer ganz greifbar. Ein Buch, das im Kontrast zu vielen anderen in seinem Genre steht und einen außergewöhnlichen Schreibstil besitzt. Das Buch wurde 2019 unter dem gleichen Titel verfilmt.

Es gibt in jedem von uns zwei nur zwei interessante Persönlichkeiten, jene, die töten will, und jene, die sterben will. Sie treten beide unterschiedlich in Erscheinung, aber hat man sie einmal identifiziert, kann man sagen, dass man jemanden kennt. Oft ist es dann zu spät.

Seite 16

Fazit

Abwechslungsreicher Roman, der mit einer unkonventionellen Protagonistin begeistert und mit tabuisierten Themen bricht.

Camille Laurens

Camille Laurens, geboren 1957 in Dijon, Frankreich, ist eine französische Schriftstellerin. Ihre Werke werden der Autofiktion untergeordnet. Seit dem jahr 2020 ist Laurens Mitglied der Académie Goncourt, welche jährlich den wichtigsten französischen Literaturpreis Prix Goncourt vergibt.


So wie du mich willst

von Camille Laurens
aus dem Französischen von Lis Künzli
dtv | 2023 | 208 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag | ISBN: 978 3 423 28358 8| 23.00€
Zum Buch


Ich danke dem dtv-Verlag, der mir das Leseexemplar zur Verfügung stellte.

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