»Auf Erden sind wir kurz grandios«
von Ocean Vuong

Ich hatte mir bereits im letzten Jahr vorgenommen Ocean Vuongs hochgelobten Roman »Auf Erden sind wir kurz grandios« zu lesen, es aber bisher nicht geschafft. Nun kann ich mit Überzeugung sagen, dass ich den Hype um dieses Buch sehr gut nachvollziehen kann. Häufig bin ich enttäuscht, wenn mir Bücher auf jedem Social-Media-Kanal begegnen und alle große Empfehlungen für den Titel aussprechen, denn die Erwartungen liegen dementsprechend hoch. Das war hier glücklicherweise ganz anders. Der Ich-Erzähler schreibt emotionale Briefe an seine Mutter, die sie nie lesen wird. Er erzählt von einer tragischen Liebe, Gewalt, Verlust und der Suche nach der eigenen Identität. Das Taschenbuch erschien im Juni diesen Jahres bei Randomhouse und btb.

Inhalt zusammengefasst

Ein langer Brief eines Sohnes an seine Mutter. Sie ist die Tochter eines amerikanischen Soldaten und einer vietnamesischen Bauerntochter. Lesen und schreiben kann sie nicht und spricht kaum Englisch. Sie verdient ihren Lebensunterhalt mit einem Nagelstudio. Ihr zierlicher Sohn ist ein Einzelgänger, der sich in einen amerikanischen Jungen verliebt. Er berichtet von den prügelnden Händen seiner Mutter, der kranken Oma und den Herausforderungen, die das Leben eines vietnamesischen Jungen in den Staaten so mit sich bringen.

Wie war »Auf Erden sind wir kurz grandios«?

Das sprachgewaltigste Buch, das ich bisher gelesen habe. Erschütternd brutal und zart zugleich beschreibt der Protagonist seine Kindheit und Jugend in Briefen an seine Mutter. Die intensiven Erinnerungen und tiefen Einblicke in sein Leben erschaffen sofort Bilder im Kopf eines jeden Lesers. Die Bandbreite an heftigen Themen könnte größer nicht sein. Die Geschichte wird getragen von ihren Emotionen und Metaphern. Die Sprache ist kunstvoll, ästhetisch und die große Stärke des Buches. Dass Vuong bereits für seine lyrischen Texte ausgezeichnet wurde, verwundert nicht. Inhaltlich keine leichte Kost und gleichsam wunderschön geschrieben. Der Autor springt in den Zeiten, ein Element, das hier bewusst eingesetzt wird. So verzichtet er auf chronologische Abläufe. Die autobiografischen Einflüsse sind klar erkennbar.

Der Junge durchlebt eine schwierige Kindheit in ärmlichen Verhältnissen bei Mutter und Großmutter. Liebe und Schmerz liegen nah beieinander und prägen den Heranwachsenden auf vielen Ebenen. Er setzt sich mit seiner eigenen Sexualität auseinander und verliebt sich in den gleichaltrigen Trevor. Eine Verbindung zweier traumatisierter Jugendlicher, bei der ich nie ganz wusste, was sie dem Einzelnen bedeutete. Ocean Vuong lässt keine Situation aus und wagt sich auch an unangenehme Textstellen. Der poetische Schreibstil zieht sich durch das gesamte Buch und trägt die Geschichte auf eine sehr zärtliche Weise durch die Zeit. Er beschreibt die Folgen des vietnamesischen Krieges für seine Bewohner anhand des Lebens der Familie des Erzählers. Seine Mutter, geprägt von den schrecklichen Erfahrungen, liebt ihren Sohn und erhebt dennoch die Hand gegen ihn. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn geht nahe und lässt sich schwer einordnen.

Wie ein langes Gedicht, so beschreiben viele Leser:innen ihre Eindrücke über »Auf Erden sind wir kurz grandios« und dem kann ich voll und ganz zustimmen. Eine Mutter-Sohn-Beziehung, schwankend zwischen Verbundenheit und Ablehnung, schonungslos erzählt. Den Platz im eigenen Leben suchend, muss der Junge viel Grausamkeit erfahren. Und trotz dieser Umstände gelingt es dem Schriftsteller auf grandiose Weise diese Wucht an Emotionen auf kompakten 272 Seiten unterzubringen und stets den Balanceakt zwischen Gnadenlosigkeit und Hingabe zu halten. In mir wird das Gelesene noch lange nachhallen und jeder Verfechter:in der Literatur sollte dieses Debüt von Vuong gelesen haben.

Zitate aus dem Buch

»Was ist ein Land anderes als ein Satz ohne Grenzen, ein Leben?« Seite 17

»Etwas zu lieben heißt so, ihm einen derart schäbigen Namen zu geben, dass es vielleicht unberührt bleibt – und am Leben.« Seite 27

»…sondern der Ausdruck einer vagen Begeisterung, wie sie nur sehr kleine Kinder kennen, die schon entzückt sind, wenn sie nur über ein leeres Feld rennen, das sie noch nicht als winzigen Garten in einem beschissenen Stadtteil erkennen.« Seite 141

»Ist das nicht das Allertraurigste auf der Welt, Ma? Ein Komma, das gezwungen wird, ein Punkt zu sein?« Seite 185

»Man sagt, nichts hält ewig, dabei hat man nur Angst, dass es länger hält, als man es lieben kann.« Seite 192

»Ich vermisse dich mehr, als dass ich mich an dich erinnere.« Seite 203

»Um schön zu sein, musst du erst gesehen werden – aber wenn du gesehen wirst, wirst du vielleicht auch gejagt.« Seite 258

Fazit

Das Buch lebt vor allem von seiner sprachlichen Schönheit, die schon außergewöhnlich ist. Ich habe selten so viele Zitate aus nur einem Roman herausgeschrieben. Die Briefe, die der Protagonist seiner Mutter schreibt, sind authentisch und so lebendig, dass ich mir vorstellen kann, dass der Autor aus seinem eigenen Leben erzählt.

Ocean Vuong

Ocean Vuong, geboren 1988 in Saigon, Vietnam, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. 1990 kam er in die Vereinigten Staaten nach Connecticut. Für seine lyrischen Werke wurde er mehrfach ausgezeichnet. Auf Erden sind wir kurz grandios ist sein erster Roman.


Auf Erden sind wir kurz grandios

von Ocean Vuong
aus dem Amerikanischen von Anne-Kristin Mittag
btb | 2021 | 272 Seiten
Taschenbuch | ISBN: 978 3 442 77008 3 | 11€
Zum Buch


Ich bedanke mich bei Randomhouse und btb für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

2 Kommentare / Kommentar hinzufügen

  1. Hallöchen,
    zunächst möchte ich eines sagen: Du hast hier eine ganz wundervolle Rezension geschrieben. Rein sprachlich gesehen. Ich bin gerade tief beeindruckt 🙂
    Zum Buch selbst. Bei dem Satz „Wie ein langes Gedicht“ hat es bei mir gerade Klick gemacht. Das könnte der Grund sein, weshalb ich es nicht so toll fand, denn Gedichte erschließen sich mir ganz oft nicht. Sprachlich fand ich dieses Buch ganz außergewöhnlich und wunderschön, aber inhaltlich hat es mich nicht so mitgerissen wie die meisten anderen.
    Liebste Grüße, Kate

    1. Hallo Kate, wow, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ein größeres Kompliment hättest du mir nicht machen können. Freut mich, dass sich mein Schreibstil in der Rezension ansprechen konnte. Herzlichen Dank! Ich verstehe deine Argumentation, was den Inhalt des Buches anbelangt. Damit kann nicht jeder etwas anfangen, besonders dann, wenn man sich für poetische Beschreibungen nicht so begeistern kann. Aber das ist doch das Bereichernde beim Lesen: jeder hat eine andere Sicht auf die Dinge. Danke die, liebe Kate!

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