Literaturblog seit 2019

Der Duft der Blumen bei Nacht – Leïla Slimani

Sie gehört zu meinen absoluten Lieblingsschriftstellerinnen, insbesondere wegen ihrer Romane, in denen sie Grenzen sprengt, vermeintliche Tabuthemen offen anspricht, ihre Geschichten von sprachlicher Schönheit sind und weil mich die Gedanken in ihren Essays jedes Mal tief beeindrucken. Ich spreche von einer starken Frauenstimme der Gegenwartsliteratur: Leïla Slimani. Nach längerer Zeit habe ich einen weiteren ihrer Titel gelesen, der bereits 2022 als Hardcover erschien. Ich habe nun »Der Duft der Blumen bei Nacht« als Taschenbuchausgabe, veröffentlicht im Januar bei btb, lesen dürfen.

Inhalt zusammengefasst

Die Autorin Leïla Slimani verbringt eine Nacht im venezianischen Museum Museo Punta della dogana, ein Ort, der in den wenigen Stunden ihres Besuchs sinnbildlich für ihre eigene Geschichte werden soll. Ähnlich wie schon andere ihrer biografischen Werke ist auch dieses ein sehr persönliches, indem sich Slimani mit ihrer Kindheit in Marokko, ihrer Familie, das Leben zweier Kulturen und ihrem Geschlecht auseinandersetzt. Vor allem aber schreibt sie von ihrer großen Liebe, der Literatur.

Wie war »Der Duft der Blumen bei Nacht«?

Der wunderschöne Titel lässt auf einen ebenso zauberhaften Inhalt hoffen und diese Erwartung wird von Leïla Slimani wieder einmal erfüllt. Ich liebe ihre Bücher, ihre Art zu schreiben, ihre fabelhaft konstruierten Romanfiguren und die kraftvolle Sprache, mit der sie mich stets mitnehmen kann. Auch mit diesem kurzen Essay hat mich die Schriftstellerin begeistern können. Als Slimani der Vorschlag im Rahmen eines Kulturprojektes eine Nacht im Museum zu verbringen, unterbreitet wird, nimmt sie das Angebot schließlich an. Während ihres Aufenthalts in Venedig erfahren wir als Leser:innen, vor allem während der Nacht im Museo Punta della dogana, wie es für sie war in Rabat aufzuwachsen, die marokkanische Kultur zu erleben, die konträr zu der Erziehung ihrer Eltern stand und wie verbunden sie sich mit dem Land ihrer Kindheit und ihrer späteren Heimat Frankreich fühlt.

Was kann man innerhalb einer Festung kultivieren außer Gleichgültigkeit? Seinen Frieden haben zu wollen ist eine egoistische Sehnsucht.

Seite 80

Man könnte sagen, Leïla Slimani reflektiert sich selbst, lässt Erinnerungen an früheste Tage aufleben und setzt sich neben Identität und Heimat auch mit diversen anderen Themen auseinander, die auch mich zum Nachdenken anregten. Venedig als Ort wird thematisiert, die westliche Kultur oder auch Marilyn Monroe als Beispiel für eine Frau, die niemals sich selbst gehörte, die vor allem als Männerfantasie diente. Die Themen scheinen so vielfältig wie die Autorin selbst. Einen großen Teil ihrer Gedanken nimmt ihre große Leidenschaft für das Schreiben ein. Während ihrer Überlegungen nennt sie viele bekannte Schriftsteller:innen und lässt Zitate aus deren Werken einfließen, die ihre eigenen Gedankengänge untermauern. Die Erzähl- und Betrachtungsweisen ganz allgemein konnten mich erneut tief beeindrucken. So möchte ich das Buch jedem ans Herz legen, der seinen gedanklichen Horizont weiten möchte.

Zitate aus dem Buch

»In diesem grenzenlosen Freiraum fällt die soziale Maske. Man kann eine andere sein, man ist nicht mehr definiert über ein Geschlecht, eine soziale Schicht, eine Religion oder Nationalität. Beim Schreiben entdeckt man die Freiheit, sich selbst zu erfinden und die Welt zu erfinden.« Seite 15

»Mein Computer stand aufgeklappt neben mir, und als ich das Licht anmachte, sah ich, dass meine Arme, meine Bücher, meine Laken vollständig mit Ameisen bedeckt waren, die wie in einem Alptraum rasend schnell im Kreis herumkrabbelten. Selten in meinem Leben war ich so glücklich.« Seite 23

»Ich frage mich, was Stefan Zweig von dieser Gesellschaft gedacht hätte, die so versessen darauf ist, sich selbst auszustellen und das eigene Leben in Szene zu setzen.« Seite 29

»Es sind jedes Jahr achtundzwanzig Millionen. Die Venezianer sind wie Ureinwohner in einem Reservat, die letzten Zeugen einer Welt, die dabei ist, vor ihren Augen unterzugehen.« Seite 36

»Rushdie hat mich gelehrt, dass man nicht schreiben kann, ohne die Möglichkeit in Kauf zu nehmen, einen Verrat zu begehen, ohne diese Wahrheiten auszusprechen, die man seit der Kindheit verbirgt.« Seite 43

Fazit

Eine Hommage an das Schreiben und die Literatur.

Auch Venedig ist im Begriff zu sterben. Diese Stadt anzuschauen heißt, einem Todeskampf beizuwohnen. Durchs Fenster erkenne ich das Wasser, das sie bald verschlingen wird. Ich versuche, mir die schwankenden Pfähle vorzustellen, die sie stützen. Ich male mir ihre Paläste aus, begraben unter Wasser und Schlamm, ihre ruhmreichen Erinnerungen von allen vergessen, ihre steinernen Plätze vernichtet. Venedig trägt den Keim seiner Zerstörung in sich, und vielleicht ist es diese Zerbrechlichkeit, die seinen Glanz ausmacht.

Seite 98

Leïla Slimani

Leïla Slimani, geboren 1981 in Rabat, Marokko, ist eine französisch-marokkanische Schriftstellerin und Journalistin. 1999 studierte sie Medien und Politik in Paris und arbeitete danach kurz als Schauspielerin. Seit 2008 ist sie als Journalistin tätig. 2014 wurde sie für Dans le jardin de l´ogre mit dem marokkanischen Preis Prix de la Mamounia und 2016 für Chanson douce mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Slimani lebt in Paris.


Der Duft der Blumen bei Nacht

von Leïla Slimani
aus dem Französischen von Amelie Thoma
im Original erschienen unter dem Titel »Le Parfum Des Fleurs La Nuit«
btb | 2024| 160 Seiten
Taschenbuch | ISBN: 978 3 442 77385 5 | 12.00€
Zum Buch


Ich danke Randomhouse und dem btb-Verlag für das mir zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

2 comments on “Der Duft der Blumen bei Nacht – Leïla Slimani

  1. Liebe Zeilentänzerin,

    ich habe von der Autorin „Dann schlaf auch du“ gelesen – das Buch hat mich sehr bewegt. Deine Rezension macht mir auf jeden Fall Lust, auch dieses Buch zu lesen. Die Zitate gefallen mir sehr gut.

    Liebe Grüße
    Marie